Ohne daß die Letztere etwas erfuhr, langte durch einen geheimen Boten in dieser Zeit ein Billet von Römer an Aurelie an, in welchem er ihr mittheilte, daß er zu der schmerzlichen Ueberzeugung gelangt sei, daß es besser sei, Sidonie nicht mehr wieder zu sehen, da er dies für ihre Ruhe als durchaus nothwendig erachtete; Aurelie sollte ihn daher nicht erwarten. Er trug dieser zugleich auf, viele Grüße an Sidonie zu bestellen und als Grund seines Fortbleibens eine weitere Reise zu bezeichnen, die er im Interesse seiner Familie habe antreten müssen. Zu welcher Zeit seine Rückkehr erfolgen würde, sei er nicht im Stande zu bestimmen. Hinsichts des von der Prinzessin gewünschten Portraits sprach er die Meinung aus, daß es vielleicht geeigneter sei, Sidonie dasselbe erst nach ihrer Vermählung einzuhändigen. Zugleich vertraute er der Freundin an, daß, nachdem er zu dem Entschluß gelangt, Sidonie in den ersten Jahren nicht wieder zu sehen, er sich vorläufig nach Paris begeben würde, um von hier aus eine weitere Reise, die ihn voraussichtlich mehrere Jahre von der Heimath fern halten würde, anzutreten. Dies sollte Sidonien jedoch ein Geheimniß bleiben. Er bat Aurelie, ihm zu schreiben, bemerkte aber auch zugleich, daß er es von ihrem Wunsch abhängig mache, ob er ihr später wieder Mittheilungen zugehen lassen sollte. Den Grund dazu bezeichnete er in der Voraussetzung nicht näher, daß Aurelie denselben errathen würde.
Diese wurde durch den Inhalt des Schreibens kaum überrascht; der besondere Charakter des Grafen und sein Fernbleiben hatten sie ein solches Handeln bereits voraussehen lassen.
Sie billigte dasselbe nicht nur mit vollster Ueberzeugung, indem sie dessen Nothwendigkeit erkannte, sondern bewunderte auch die große Selbstverläugnung, die der Graf zu Gunsten der Prinzessin beobachtete.
Jedes Wiedersehen mußte nachtheilig auf die Letztere wirken, indem es zu dem Schmerz auch noch das gesteigerte Verlangen nach des Geliebten Besitz gesellte. Neue, schmerzvolle Kämpfe wären dadurch in Sidonien hervorgerufen worden, deren Folgen nicht zu berechnen waren und ihr den unvermeidlichen Schritt wesentlich erschwert hätten. Die Möglichkeit, ihn noch vor ihrer Vermählung wiederzusehen, mußte sie dagegen beleben, wenn die Gewißheit, daß dies in Jahren nicht stattfinden würde, ihr armes Herz vollständig niedergebeugt hätte.
Auch in Bezug auf die Einhändigung des Portraits, das dem Schreiben beigefügt war, theilte Aurelie des Grafen Ansicht, freilich mit dem nahe liegenden Bedenken, daß Sidoniens Gemüthszustand sehr leicht und wahrscheinlich bald eine Aenderung seiner Bestimmung erfordern würde.
Sie händigte dem Boten eine ausführliche Antwort an den Grafen ein, in welcher sie ihm nicht nur ihre Zustimmung zu seinen Entschlüssen und Maßnahmen, sondern auch ihre dankbare Bewunderung für seine so edle Selbstverläugnung aussprach. Ueber die an dem Hofe des Fürsten gemachten Beobachtungen betreffs des wenig empfehlenden Charakters des Prinzen schwieg sie, um den Grafen nicht noch tiefer zu betrüben und zugleich in der Voraussetzung, daß er in dieser Beziehung wohl besser unterrichtet sein würde, als sie selbst. Denn es darf kaum bemerkt werden, daß man sich wohl hütete, einer Hofdame der Prinzessin Anderes als nur Lobenswerthes über den schönen Prinzen, den Abgott der Frauen, mitzutheilen.
Aurelie täuschte sich in dieser Voraussicht durchaus nicht. Der Graf, obwol seit längerer Zeit den Hof seines Fürsten meidend, dessen Ton ihm nichts weniger als zusagte, stand dennoch durch seine daselbst oder in dessen Nähe lebenden Verwandten mit demselben in einem ziemlich regen Verkehr, und so konnte es nicht fehlen, daß er auch mit des Prinzen leichtsinnigem Leben genügend bekannt gemacht wurde. Die Gewißheit von dem geringen sittlichen Gehalt des Letzteren, der für ihn früher nur höchstens sein politisches Interesse beansprucht hatte, war jetzt ein Grund kummervollster Sorge geworden, welche den Schmerz der Entsagung nur noch erhöhen mußte.
Wäre Sidonie die Gemahlin eines achtungswerthen Fürsten geworden, so würde er leichter auf ihren Besitz verzichtet haben; jetzt jedoch von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Prinz niemals Sidoniens Werth erkennen und daher auch nie auf ihr Glück bedacht sein würde, litt sein Herz tausendfach mehr. Darum war er rasch zu dem Entschluß gelangt, fern von der Stätte, an welcher er sein Liebesglück begraben wußte, die Zeit und das Geschick walten zu lassen und seinen Schmerz in abgeschiedener Fremde auszukämpfen. Wenige Tage nachdem er Aureliens Mittheilung erhalten hatte, begab er sich zu einem entfernten Verwandten und von diesem später nach Paris.
Aurelie entledigte sich ihres Auftrages gegen Sidonie mit großer Vorsicht und treu der ihr von dem Grafen gegebenen Rathschläge.
»So ist mir denn auch die einzige Freude geraubt, die mir noch geblieben und auf welche mein Sehnen und Hoffen gerichtet war!« — entgegnete Sidonie, durch das Vernommene schmerzlich überrascht. »Doch ich darf nicht klagen; denn ich habe ja kein Recht dazu. — Ja, ja, er sprach leider nur die volle Wahrheit. Entbehren und Entsagen, das ist das allgemeine Loos der Menschen, und ich muß mich bemühen, diese Wahrheit anzuerkennen, indem ich mich ihr geduldig unterwerfe. — Ich fühle es nur zu wohl,« fuhr sie nach kurzem sinnenden Schweigen fort, »welchen Entsagungen ich entgegen gehe, und wie nothwendig es ist, mich schon zeitig daran zu gewöhnen.« — Wieder schwieg sie und schaute gedankenvoll vor sich hin; alsdann bemerkte sie in wehmüthigem Ton: »Eine wunderbare, unergründliche Welt! Alle Geschöpfe in der Natur scheinen sich eines ungetrübten Glücks zu erfreuen und folgen froh den inneren Trieben; nur das höchste, edelste Geschöpf, der Mensch, schafft sich Qualen und Sorgen, Leid und Verzweiflung, indem er seinen Willen über die Gesetze der liebenden Natur stellt. Ich vermag das nicht zu verstehen, und forsche vergeblich nach den Gründen, warum der Mensch das wahre, einzige Glück des Lebens einem eingebildeten und nur mit schmerzvollen Opfern erkauften vorzieht, das ihm am Ende doch keine Befriedigung gewährt.« —