»Wer vermöchte Deine gewiß schon häufig ausgesprochenen Gedanken zu beantworten! Vergebens haben sich die Weisen darum bemüht, und alle Weisheit lief endlich auf den einen Satz aus, daß des Menschen Leben eben so geheimnißvoll sei, wie das Leben überhaupt,« entgegnete Aurelie, von ihrer Freundin Betrachtung nicht wenig überrascht, da sie dergleichen zum ersten Mal aus ihrem Munde vernahm und Sidonie durch das volle Leben, dem sie sich bisher hingegeben hatte, von allen philosophischen Grübeleien fern gehalten worden war, wozu ihre Natur überhaupt nicht zu neigen schien.

Aber es bewährte sich auch in diesem Falle der Satz, daß Leiden uns zu Philosophen machen, selbst wenn wir nicht die geringste Anlage dazu besitzen. Für unsere Freuden forschen wir nach keinem Grund; der Kummer jedoch, das nicht selbst heraufbeschworene Weh, unter welches wir uns beugen müssen, fordert die Frage an das Unbekannte heraus.

Sidonie hatte Aureliens Worte mit Aufmerksamkeit vernommen; als diese schwieg, ließ sie eine gewisse Zeit vorüber gehen, ehe sie antwortete; alsdann sprach sie sinnend:

»Wie wunderbar! Der Mensch empfindet tiefer als die Gottheit, die ihn geschaffen, und erscheint mir höher als diese, da er ein glückliches Dasein für alle Menschen fordert und oft mehr an dem fremden als dem eigenen Unheil zu Grunde geht. Wie kommt’s, daß ich das Gute empfinde und mit Inbrunst für Alle verlange, obgleich ich nicht allliebend und allgütig genannt werden kann und derjenige, dessen Allmacht wir anerkennen, ja anbeten, sich so lieblos und ungütig seinen Geschöpfen gegenüber zeigt? — Däucht Dir in solchem Fall nicht der Mensch erhabener als die Gottheit? Ohne allmächtig zu sein, schafft er dennoch das Liebevolle, und wo er sich zum Schaffen unfähig fühlt, adeln ihn wenigstens seine edeln Triebe und das Mitleiden mit dem Unglück. — — Ich weiß nicht,« bemerkte sie nach kurzem schweigenden Nachdenken, »ich weiß nicht, wie es zugeht, daß sich solche Betrachtungen mir in die Seele drängen, indem meine Gedanken dem Grafen in die Ferne folgen, ihn aufsuchen an fremden Stätten, um im Geist mit ihm zu verkehren, da ich ihn nicht Auge in Auge begrüßen darf. — Kann uns das Leid so sehr umändern und kann diese Umänderung so ganz ohne unsern Willen vor sich gehen? — Ich verstehe es nicht. Niemals ist es mir bisher eingefallen, die Welt nicht für vollkommen zu halten, und jetzt führt mich mein eigenes Leid zur Einsicht der großen Unvollkommenheiten derselben und erfüllt mein Herz mit nie gekannten Zweifeln an den Gott der Liebe.« —

»Diese Zweifel werden schwinden, wenn Dich das Leben wieder herausfordert, meine Sidonie,« bemerkte Aurelie und war eben im Begriff, der Freundin Gedankengang auf einen freundlicheren Weg zu leiten, als diese, ohne darauf zu achten, fragte:

»Nicht wahr, Aurelie, er wird nicht zu lange fortbleiben und sich mit seinen Geschäften beeilen, damit wir uns noch oft sehen, uns noch oft an einander erfreuen können?« —

»Ich denke, er wird es thun,« sprach Aurelie mit gepreßter Stimme und bemüht, unbefangen zu erscheinen.

»O gewiß, gewiß wird er darauf bedacht sein; denn er liebt mich ja so innig, und so wird er sich auch nach meinem Anblick sehnen, wie ich mich nach dem seinigen sehne!« fiel Sidonie eifrig ein und fuhr alsdann, in der Erinnerung an den Geliebten verloren, mit Innigkeit fort: »Ich habe Dir noch niemals von meiner Liebe zu ihm gesprochen; ich hielt dies für überflüssig und es drängte mich nicht dazu. Du sahst ja meine Liebe keimen und sich entfalten, Du sahst das Glück, das sie mir brachte; wozu also der Worte für das, was sich doch nicht aussprechen läßt. — Welch ein süßes, geheimnißvolles Weben und Leben in der Seele! Wie spinnt sich unbewußt Faden und Faden vom Herzen zum Herzen und knüpft alles Leben, Fühlen und Denken immer fester und fester an einander, bis ein unzerreißbares Gewebe aus ihnen entsteht, das sie auf ewig vereint. Ja, ja, auf immer und ewig!« wiederholte sie mit Nachdruck und fügte sinnend hinzu: »Wie der Ton des Geliebten uns so eigenthümlich berührt, die Seele mit süßem Schauer erfüllt und dieser Schauer sich in lautere Seligkeit und Hingabe umwandelt, wenn wir nun an seiner Seite hingehen und in das geliebte Auge schauen! Ich weiß nicht, ob es einem jeden Mädchen so ergeht, wie mir; ich möchte jedoch jene Empfindungen nicht entbehren, die vielleicht erst dann schwinden, wenn das größere Glück des Besitzes uns mit mächtigeren Gefühlen begeistert.« —

Sie seufzte, von dem Gedanken bedrängt, sich eines solchen Glückes niemals erfreuen zu dürfen, suchte Aureliens Hand, die sie in die ihrige schloß, und fragte, wie es schien, von einem plötzlich in ihr auftauchenden Gedanken ergriffen:

»Glaubst Du, daß er sich vermählen wird?«