Ueberrascht blickte Aurelie sie an und entgegnete nach kurzem Zögern: »Ich bezweifle es.« — —

Sidonie senkte das Haupt, schaute sinnend zu Boden und fragte ängstlich:

»Wird ihm meine Liebe einen Ersatz für sein vereinsamtes Leben bieten können?«

»Ich glaube Deine Frage bejahen zu dürfen und denke, des Grafen Charakter berechtigt mich zu einer solchen Voraussetzung; doch bin ich überzeugt, meine theure Freundin, daß Du weit entfernt bist, einen solchen Verzicht von ihm zu verlangen.« — —

»O gewiß, gewiß!« fiel Sidonie lebhaft ein. »Wie sollte und könnte es auch anders sein! Glücklich, ganz glücklich will ich ihn wissen, und würde mein eigen Leid leichter ertragen, wüßte ich, er wäre es geworden. Ich würde sein Weib mit meinen Armen umschlingen und freudig an das Herz drücken, da es die hohe Aufgabe erfüllt, dem Geliebten das Leben zu verschönern! Freilich,« fuhr sie mit leiser, wehmüthiger Stimme fort: »jenes Glück, das meine Liebe ihm gebracht hätte, jenes Glück wird sie ihm nicht gewähren können! — O, möchte sein Auge wieder in Freude erglänzen und seine edle Seele sich aufrichten in der Liebe edler, treuer Menschen!« — — schloß sie mit erhöhter Stimme und in einem überaus herzlichem Tone, der deutlich bekundete, daß ihr Wunsch den Tiefen ihrer Seele entquollen war.

Alsdann fragte sie nach kurzem Schweigen: »Hat er des Portraits nicht gedacht?«

»Gewiß, und wünscht Dir dasselbe später zu übergeben,« erwiderte Aurelie, eingedenk des von dem Grafen ausgesprochenen Wunsches.

»Später!« seufzte Sidonie und fügte dann hinzu: »Wie sehr hätte mich der Besitz seines Bildes, da ich ihn selbst nicht sehen darf, beglückt! Doch ich will geduldig sein und harren, bis es ihm gefällt, mir sein Versprechen zu halten, und mich bemühen, das ungestüm nach seinem Anblick verlangende Herz zu beschwichtigen.«

Im Lauf der Folgezeit wiederholten sich diese Unterhaltungen und Fragen von Seiten Sidoniens, angeregt durch des Grafen dauerndes Fortbleiben, das sie in der Annahme nicht zu begreifen vermochte, der Geliebte theile ihre Sehnsucht. Und je mehr sich die Zeit bis zu ihrer Vermählung abkürzte, um so häufiger und ängstlicher forschte sie nach ihm, um so häufiger sprach sie die Besorgniß aus, er könnte wol gar durch seine Geschäfte so lange in Anspruch genommen werden, daß ein Wiedersehen in der Heimath unmöglich würde.

Aurelie erschöpfte die Kräfte ihres mitfühlenden Herzens, um Sidonie zu beruhigen und in der bezweckten Täuschung zu erhalten; trotzdem litt die Prinzessin unter dem sich immer mehr und mehr in ihr geltend machenden Gedanken, den Grafen nicht mehr zu sehen, so sehr, daß Aurelie es für besser erachtete, ihr nichts mehr zu verhehlen und zugleich das Portrait einzuhändigen.