Mit großer Vorsicht bereitete sie die Prinzessin darauf vor, indem sie mit ihr gemeinschaftlich erwog, ob dem Fernhalten des Grafen nicht vielleicht ein bestimmter Zweck zu Grunde liegen und dieser Zweck die wohlgemeinte Absicht in sich schließen könnte, sowol Sidonien als dem Grafen selbst den Schmerz der Entsagung zu verringern.
Sie erinnerte die Freundin zugleich, daß eine solche Absicht gewiß eben so edel als durch die Umstände geboten sei, und bat sie, der Rücksichten zu gedenken, die sie dem Grafen zu schenken verpflichtet sei. Sie erinnerte sie alsdann, daß der Letztere nicht minder als sie selbst unter den unheilvollen Verhältnissen leiden müßte, und es daher vielleicht im Interesse Sidoniens und seiner eigenen Ruhe für besser erachtete, ein Wiedersehen vorläufig zu vermeiden.
Aurelie kannte der Freundin Herz zu wohl, um nicht von der guten Wirkung ihrer Vorstellungen überzeugt zu sein, und täuschte sich in dieser Beziehung auch nicht. Sidonie gab trotz ihres Verlangens und Schmerzes die Richtigkeit und Zweckmäßigkeit zu, welche des Grafen Fernhalten in sich schloß, und die Erinnerung an des Geliebten Leid genügte schon, ihm zu Liebe das Verlangen nach seinem Besuch zu beschwichtigen.
In dem Gedanken seines Kummers vergaß sie fast ihr eigenes Weh und wünschte sogar, er möchte nicht kommen, um sein Leid nicht zu vermehren.
Als Aurelie die guten Wirkungen ihrer Worte auf Sidonie bemerkte, glaubte sie den Zeitpunkt gekommen, ihr des Grafen Portrait einzuhändigen; denn jetzt meinte sie nicht nur keine üble, sondern vielmehr eine wohlthätige Wirkung davon auf die Prinzessin erwarten zu dürfen. Sie täuschte sich auch in dieser Beziehung nicht; es war in der That so.
Sidonie hatte sich in Folge aller der bezeichneten Erwägungen bald mit dem Gedanken vertraut gemacht, den Grafen vor ihrer Vermählung nicht mehr zu sehen, und es fiel ihr dies um so weniger schwer, da sie einen solchen Verzicht im Interesse des Geliebten für nothwendig erachtete. Der Besitz seines Portraits, statt ihre Sehnsucht nach seinem Wiedersehen zu erhöhen, erfüllte sie vielmehr mit einer süßen Ruhe und kräftigte ihre Seele.
O, mit welchem glücklichen Blick begrüßte sie dasselbe, mit welcher Innigkeit heftete er sich an die geliebten Züge! Mit ihrer Freundin vereint betrachtete sie die letzteren und forschte, in wie weit es dem Künstler gelungen war, die Natur wieder zu geben. Sie fand sich freilich nicht ganz befriedigt, denn sie betrachtete das Bild mit den Augen der Liebe, während der Künstler es doch nur als solcher zu gestalten befähigt war. Aber was dieser nicht hineingelegt hatte, verbesserte ihre Erinnerung, und so fühlte sie sich durch seinen Besitz ganz beglückt.
Bald waren auch die letzten Tage, die sie in der Heimath verleben durfte, verflossen, und sie sagte derselben ein schmerzliches Lebewohl, um in Begleitung ihrer Eltern und ihres Bruders sich auf den Weg nach dem fürstlichen Hofe zu begeben, woselbst die Vermählung gefeiert werden sollte. Beim Beschreiten der Grenze des Fürsten wurde sie von dem Prinzen mit einem glänzenden Hofstaat empfangen und nach der Residenz und dem Schloß geleitet, woselbst sie die zu ihrer und der Ihrigen Aufnahme prachtvoll ausgestatteten Gemächer bezog.
Am folgenden Tage fand die Vermählung in der fürstlichen Schloßkapelle statt, der sich eine Menge Festlichkeiten, theils in dem Schloß, theils an anderen Orten anreihten und mit Opern und Ballets abwechselten. Nachdem dieselben ihr Ende erreicht hatten, vertauschten die Neuvermählten das Residenzschloß mit einem Palais in einer, wenige Meilen von der Residenz entfernten, kleinen Stadt, woselbst der Fürst schon seit vielen Jahren lebte. Der Letztere hatte derselben wegen ihrer Naturschönheiten vor der geräuschvollen Residenz den Vorzug gegeben und sie im Lauf der Zeit mit Schlössern und vielen anderen Prachtbauten, Parkanlagen und Wasserkünsten geziert, und lebte hier in einem Kreise geistreicher Männer den Wissenschaften und in einer beschaulichen Ruhe, nach welcher sich gewöhnlich das Alter mit seinen körperlichen Beschwerden zu sehnen pflegt.
Da die Verwandten des fürstlichen Hauses und der Adel theils in der Residenz, theils in der Nähe derselben wohnten, und sich nur die von dem Fürsten bevorzugten Personen sowie einige der Cabinetsbeamten hier dauernd aufhielten, um in jeder Stunde sich ihm zu Diensten stellen zu können, so herrschte sowol an des Fürsten Hof, wie in der Stadt selbst, stets eine an Einförmigkeit grenzende Ruhe, die selten durch ein Hoffest unterbrochen wurde. Der Fürst, über die erfolgte Vermählung seines Neffen sehr erfreut, wünschte dessen Nähe und hatte ihm darum ein prachtvoll ausgestattetes Palais daselbst angewiesen.