Es geschah dies zugleich in der Absicht, den Prinzen von seinen lockeren Freunden zu entfernen und für eine ernste Beschäftigung zu gewinnen. Die wichtigsten Staatsgeschäfte wurden gewöhnlich an dem Wohnsitz des Fürsten erledigt, und so war die dauernde Anwesenheit des Prinzen daselbst um so mehr erforderlich, sollte er in die ersteren eingeweiht werden. Dieser schien sich in die Bestimmungen seines Oheims gern zu fügen, ja es schien sogar, als ob er in dem Besitz seiner Gemahlin weniger Werth auf die so lange mit Leidenschaft aufgesuchten Genüsse legte.
Dies war in der That jedoch nur für kurze Zeit der Fall und währte nur so lange, als der Reiz der Neuheit seine Wirkung auf ihn ausübte; sobald dieser jedoch aufhörte, fühlte der an stete Zerstreuungen gewöhnte Prinz eine peinigende Langweile. Das einförmige Leben wurde ihm unerträglich, wozu sich noch der unangenehme Zwang gesellte, den ihm sein eheliches Verhältniß auferlegte.
An Verlockungen von seinen alten Freunden fehlte es natürlich nicht, und so geschah es, daß er sehr bald und häufig wieder in der Residenz gesehen wurde. Die Höflinge bereiteten zu Ehren seiner Rückkehr ein wahres Freudenfest, das, eben so reich als wohl überdacht, nur zu sehr geeignet war, den Prinzen mit neuen Fesseln an sie zu ketten.
Gewohnheit, mehr noch die angeborene Neigung thaten das Uebrige, und wenige Monate nach seiner Vermählung hatte sich der Prinz seinem ehemaligen ausschweifenden Leben wieder mit ganzer Leidenschaft ergeben.
Aus diesen Umständen ist leicht ersichtlich, wie geringen Einfluß Sidonie trotz ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit auf ihren Gemahl ausübte. Vielleicht würde dies mehr der Fall gewesen sein, hätte sich des Prinzen Charakter zur Entfaltung ihrer sittlichen Vorzüge geeignet und wäre durch die Uebereinstimmung ihrer Naturen jenes Vertrauen in ihr erwacht, das ihre Schüchternheit und Abgeschlossenheit besiegt hätte.
Wir kennen Sidoniens Abneigung gegen den Prinzen, die um so weniger schwinden konnte, da der nähere Umgang mit ihm durchaus nicht geeignet war, dieselbe wenigstens in ein achtungsvolles Gefühl umzuwandeln.
Ihre Schüchternheit und Duldsamkeit verleitete ihn, ihr gleich einem Kinde zu begegnen und nur die nothwendigste Aufmerksamkeit zu schenken, da sie ja überdies von ihm nichts mehr zu beanspruchen schien und sich in einem zurückgezogenen Leben gefiel. Niemals äußerte sie einen Wunsch, niemals erhob sie irgend einen Anspruch auf etwas, obgleich sie ihre Stellung dazu berechtigte. Ebenso schien ihr des Prinzen Fernhalten eher erwünscht, als ungebilligt zu sein, wie das ihre Umgebung zu bemerken glaubte und was ihre schweigende Duldung obenein noch bestätigte. Wir wissen, daß dies in der That der Fall war, wenngleich Niemand die eigentlichen Gründe ihres Benehmens ahnte und dies ihrem einfachen, anspruchslosen Charakter zuschrieb. Wie natürlich, daß der Prinz, von gleicher Täuschung befangen, seinen Neigungen allmälig mehr und mehr die Zügel schießen ließ.
Sidonie ahnte ihres Gemahls Treiben nicht, denn ein Jeder hütete sich, ihr dasselbe zu verrathen, und sie selbst war weit entfernt, nach demselben zu forschen, obgleich ihr des Prinzen Wesen und Benehmen und seine häufigen und längeren Besuche in der Residenz mit der Zeit immer mehr Veranlassung dazu boten.
In dem vertraulichen Umgange mit ihrer treuen Freundin Aurelie und in einem gewählten Genuß der ihr gebotenen Zerstreuungen, sowie in den eifrigen Bemühungen nach geistiger Ausbildung und ihres musikalischen Talents, fühlte sie sich, so weit dies eben sein konnte, befriedigt, und je weniger sie durch das Hofleben in dieser Abgezogenheit gestört wurde, um so angenehmer war es ihr.
Da des Fürsten Gemahlin, von diesem getrennt, ein stilles, zurückgezogenes Leben und er selbst ein ähnliches führte, so konnte es nicht ausbleiben, daß Sidoniens Wünsche ziemlich befriedigt wurden, und dies um so mehr, da der Prinz selbst keine Veranlassung fühlte, seine schüchterne Gemahlin durch geräuschvolle Feste zu zerstreuen, oder sie für sich zu beanspruchen.