Wie manche Stunde saßen die beiden Freundinnen in vertraulichem Gespräch bei einander, sich der Vergangenheit und des gemeinschaftlichen fernen Freundes erinnernd, der, wie sie wußten, die Alpen durchzogen und jetzt in dem sonnigen Italien lebte, wo er Geist und Seele an den Reizen der Natur und reichen Kunstschätzen labte, um sein Leid zu mildern und die zur Thätigkeit nothwendige Ruhe zu finden. Denn der Graf war, seinem Vornehmen getreu, beim Nahen des Herbstes von Paris nach der Schweiz gereist und ging von hier nach Italien, woselbst er sich längere Zeit aufzuhalten gedachte.

Sidonie war durch Aurelie mit alledem bekannt gemacht worden und billigte, wenn auch seufzend, sein Fernhalten, und es beruhigte sie der Gedanke, den Geliebten in Orten zu wissen, die so wohl geeignet sind, der leidenden Seele angenehme Eindrücke zu gewähren. Hatte sie doch früher selbst das Verlangen gehegt, jene Länder zu sehen, und es sich so überaus reizend gedacht, an des Gatten Seite einst dort leben zu können.

Alle die schönen Träume, wie waren sie zerronnen, zerstoben vor einer kalten, lieblosen Wirklichkeit! —

Der Graf hatte nach dem ersten Briefe nur noch zweimal an Aurelie geschrieben und sich von ihr über Sidonie Mittheilungen erbeten, nach deren erfolgter Vermählung er es für besser erachtete, den Briefwechsel vorläufig zu unterbrechen. Bei seiner Ankunft in Rom hatte er zum letzten Mal geschrieben und seitdem nicht wieder.

Etwa fünf Monate waren seit Sidoniens Vermählung dahin gegangen, als neue Interessen ihre Seele erfüllten, Interessen, die jedes weibliche Herz mit ganz besonderen Empfindungen zu erfüllen pflegen. Es war die Hoffnung, Mutter zu werden und dadurch den so heiß gehegten Wunsch des Fürsten zu erfüllen. Diese Hoffnung übte einen tiefen Einfluß auf das stille Leid ihrer Seele aus, indem sie dasselbe durch ihre Bedeutsamkeit verklärte.

Der Fürst empfing die so erfreuliche Nachricht durch den Prinzen, und seine Theilnahme daran war größer als diejenige des Letzteren, dem die Geburt eines Kindes, namentlich wenn es kein Thronerbe war, von keiner Bedeutung erschien. Ihm waren die Gefühle, welche die Hoffnung auf den Besitz eines lieblichen Kindes einzuflößen pflegt, durchaus fremd und wurden auch durch die Aussicht der baldigen Vaterschaft nicht geweckt.

Hatte sein bisheriges Benehmen ihn schon nicht für Sidonie gewinnen können, so war die kaum bemäntelte Gleichgiltigkeit, mit welcher er ihre Mittheilung aufnahm, um so weniger dazu geeignet. Von der Ueberzeugung erfüllt, daß die letzteren ihn mit der höchsten Freude erfüllen würde, sah sie sich in der empfindlichsten Weise getäuscht und erkannte mit Schrecken, daß des Prinzen Gemüthsart noch übler sei, als sie es bisher geglaubt.

Seit diesem Augenblick trennte sich ihre Seele noch mehr von ihm, und es trat eine Kälte zwischen ihnen ein, zu deren Beseitigung der Prinz nichts weniger als bemüht war, indem er, ohne die unter den besonderen Umständen Sidonien schuldende Rücksicht zu beobachten, seinen Neigungen unbeschränkt nachging.

Sidonie, dadurch tief verletzt, forschte zum ersten Mal nach den Ursachen einer solchen Lieblosigkeit und seiner so häufigen und oft Tage währenden Besuche der Residenz, und erfuhr sehr bald, in welchen Genüssen der Prinz Befriedigung fand. Es konnte in Folge dessen nicht ausbleiben, daß sie sich immer mehr von ihm zurückzog und ihr eheliches Leben kaum noch ein solches genannt werden durfte. Sie sah den Prinzen höchstens einmal in der Woche und auch dann nur flüchtig, da er sich selten lange bei ihr aufhielt. In solcher übeln Weise war die Zeit dahin gegangen und Sidoniens Entbindung genaht. Die Prinzessin knüpfte daran so mannichfache Wünsche und Hoffnungen.

Liebte sie auch den Prinzen nicht, so war es ihr doch als seine Gemahlin nicht gleichgiltig, was man über denselben und mit Recht sprach und wie man über ihr eheliches Verhältniß urtheilte. Des Prinzen Ausschweifungen mußten sie verletzen, indem sie dadurch in der Achtung ihrer Umgebung und der Welt herab gesetzt wurde. Sie hatte davon schon mancherlei Beweise erhalten und wünschte daher so viel Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen, um dergleichen übeln Erfahrungen für die Folge vorzubeugen.