Was war natürlicher als die Voraussetzung, dies durch die Geburt eines Kindes zu erreichen, und die Hoffnung, daß das Interesse für dieses den Prinzen zum Aufgeben seines wüsten Lebens veranlassen und zu einer achtungsvolleren Annäherung an sie führen würde. Sie sollte sich jedoch in diesen Erwartungen bitter getäuscht sehen.
Denn als sie glücklich eines Mädchens genas, zeigte sich der Prinz um so weniger geneigt, ihre Freude darüber zu theilen, da seine Wünsche hinsichts eines Thronerben sich nicht erfüllt hatten.
Sidonie war untröstlich darüber, und ihr Schmerz steigerte sich, da sie erkennen mußte, daß auch selbst die natürlichsten Gefühle dem Prinzen mangelten, jene Gefühle, die so sehr geeignet sind, die Herzen aneinander zu ketten.
Vielmehr schien ihm Sidonie seitdem nur noch gleichgiltiger geworden zu sein, was auch in der That der Fall war, da er, von den Reizen buhlerischer Frauen umstrickt, sich diesen mit der Zeit ganz hingegeben hatte und in dem Wechsel des Genusses allein Befriedigung fand.
Gewährte Sidonien auch ihr Mutterglück einen ganz neuen, köstlichen Trost in ihrem Kummer, so überwand sie dennoch die erfahrene Ehrverletzung von Seiten des Prinzen nicht. Gern verzichtete sie auf seine Liebe, doch nicht auf die ihr schuldige Achtung, und erkannte das für eine Pflicht gegen sich selbst, sollte sie nicht endlich nur zu einer bemitleideten und belächelten Person herabsinken, der man nach dem Vorbilde des Prinzen immer weniger Achtung zu bezeigen sich erdreistete. Nach den bereits gemachten Erfahrungen drohte ihr diese Gefahr mit aller Bestimmtheit, und dieser Umstand forderte ihr ganzes, verletztes Selbstgefühl heraus.
Sie hatte Aurelien schon oft ihren Kummer darüber vertraut und mit ihr berathen, was sie noch thun könnte, da die bereits näher bezeichneten Umstände nicht den geringsten Einfluß auf den Prinzen ausgeübt hatten. Sie erachtete es für das Zweckmäßigste, dem Prinzen selbst Vorstellungen zu machen und sich dadurch den gewünschten Erfolg zu sichern. Sie glaubte diese Rücksicht beobachten zu müssen, um ihn durch Vermittlung Anderer, etwa des Fürsten, nicht zu verletzen.
Daß sich Sidonie dazu nur sehr schwer zu entschließen vermochte, werden wir im Hinblick auf ihren besondern Charakter erklärlich finden; wir würden uns jedoch in der Annahme täuschen, ihr hätte der erforderliche Muth dazu gefehlt.
Bekanntlich sind die Verhältnisse, in welchen wir leben, zur Entwicklung unseres Wesens von der höchsten Wichtigkeit, und je bedeutsamer dieselben sind, je mehr sie uns herausfordern, um uns ihren Einflüssen gegenüber zu behaupten, um so rascher entfalten sich unsere Seelen- und Geistesanlagen, und der angeborene Charakter des Menschen tritt schärfer und bestimmter hervor. Und so geschieht es, daß uns bekannte Personen nach längerem Wiedersehen oft sehr verändert erscheinen und ihr Wesen uns ganz neue Seiten zeigt, von denen wir früher nicht die mindeste Ahnung gewonnen. Je nach der Besonderheit der Einflüsse und der Naturanlage werden diese Veränderungen verschieden und eben so übel als angenehm sein.
Diese Erscheinungen treten ganz besonders bei dem weiblichen Geschlecht und unter den bei Sidonien angegebenen Umständen hervor, wozu wir noch das jugendliche Alter zählen müssen, in welchem neben der körperlichen auch die sittliche Entwickelung gewöhnlich stattzufinden pflegt.
Dergleichen Veränderungen waren auch mit der Prinzessin vorgegangen, ohne daß dieselben von dem Prinzen beachtet wurden. Ihr Charakter war durch die herausfordernden Verhältnisse rasch gereift, und ihr tief verletztes Ehrgefühl erfüllte sie mit Muth, sich dem Prinzen gegenüber zu behaupten und, was man ihr nicht freiwillig brachte, sich in ihrem guten Recht zu fordern.