Wir haben früher erfahren, welchen nachtheiligen Einfluß des Prinzen Verhalten gegen Sidonie ausübte, indem dasselbe die Umgebung der Letzteren und selbst den Hof verleitete, ihr mit Geringschätzung zu begegnen. Diese Wirkung wurde noch bedeutend dadurch erhöht, als die Prinzessin, von ihrer feinfühlenden Natur bestimmt, es wagte, sich mißbilligend über das sittenlose Treiben auszusprechen, und diejenigen Personen von ihrer Nähe fern hielt, welche sich keines besonders guten Rufs erfreuten. Das wurde ihr in hohem Grade verdacht, denn sie verletzte dadurch die Eitelkeit, und diese ist bekanntlich unversöhnlich.

Sie gab aber auch ihren Widerwillen gegen die unzüchtigen und karikirten Trachten der Frauen zu erkennen, indem sie sich sittsam und stets einfach kleidete und die Benutzung der damals beliebten tausendfachen Toilettenmittel verschmähte, wodurch sich die Damen und auch die Herren zu verschönen bedacht waren.

Damit verstieß sie noch mehr gegen die herrschende Sitte, die sich in der Frivolität wohl fühlte und darum an Züchtigkeit und Sittlichkeit nicht erinnert sein wollte.

Es konnte daher nicht ausbleiben, daß die Prinzessin sehr bald ziemlich allein dastand und nur wenig Nachahmung fand, sich jedoch auch eben so wenig Freunde erwarb.

Sie ließ sich dadurch jedoch nicht zum Aufgeben ihres Verhaltens bestimmen, und that dies um so weniger, da sie ihre sittliche Natur dazu nöthigte.

Ueberdies hatte sie längst erkannt, daß man an einem Hof nicht auf wahre Freundschaft hoffen durfte, und fühlte sich im Besitz ihrer Freundin Aurelie befriedigt. Huldigungen der Welt waren ihr durchaus bedeutungslos, auch war sie nicht eitel genug, darnach zu streben, und bedauerte daher in der ihr gezeigten Abneigung keinen Verlust.

Ihr Verhalten entsprang jedoch nicht etwa aus der bestimmten Absicht, auf ihre Umgebung in solcher Art eine Wirkung auszuüben, sondern lediglich aus den angeborenen Trieben. Doch würde es sie sehr beglückt haben, hätte man sie verstanden und das Bessere anerkannt.

Wir sehen, daß sie sich dadurch in einen Widerspruch mit der sie umgebenden Welt gesetzt hatte, und werden erfahren, in welcher Weise sich derselbe lösen sollte.

Einige Wochen waren dahin gegangen, ohne daß sie den für nothwendig erkannten Schritt zu thun vermochte, bis endlich der Zufall sie darin unterstützte.

Bei einem Hoffest hatte sich die Oberhofmeisterin der Prinzessin gegenüber eine verletzende Freiheit erlaubt, indem sie ihre Mißbilligung über deren Verhalten in wenig passenden Worten gegen diese aussprach.