Hatte sie sich bereits früher öfter in dieser Beziehung gehen lassen, durch Sidoniens ruhiges Hinnehmen der Belehrung verleitet, so überschritt ihr Benehmen in dem angegebenen Fall die zu beobachtenden Rücksichten in vermehrtem Grade.

Welche Ueberraschung malte sich jedoch in ihrem und dem Antlitz der in der Nähe befindlichen Hofdamen, als Sidonie, statt wie gewöhnlich die Belehrung ruhig hinzunehmen, sich stolz aufrichtete und der Oberhofmeisterin mit festen und ruhigen Worten bedeutete, sich künftighin in den ihr vorgeschriebenen Grenzen der Etikette zu halten, um nicht durch ihr Benehmen dem Hofe ein übles Beispiel zu geben.

Die stolze Dame, in solcher Weise und so durchaus ungeahnt von der schüchternen Prinzessin zurecht gewiesen, blieb starr und bestürzt vor dieser stehen, ohne ein Wort der Entschuldigung zu finden, ja sie vergaß sogar die übliche Verneigung, als sich die Prinzessin nach jenen Worten mit den Hofdamen rasch entfernte und sie einsam zurückließ.

Sie würde den Vorfall für eine Vision gehalten haben, hätte sie sich nicht ganz allein in dem Saal gesehen und hätten die zurechtweisenden Worte der Prinzessin nicht in der mißtönendsten Weise noch immer ihre Ohren durchklungen. Die sich über das Erfahrene in ihr erhebende Entrüstung erweckte sie aus der Bestürzung, und kaum wieder so weit gesammelt, um den unerhörten Fall genügend zu erwägen, war sie auch sofort entschlossen, sich bei dem Prinzen darüber zu beklagen und ihn zu bestimmen, der Prinzessin das Ungehörige ihres Benehmens gegen sie vorzustellen und diese zugleich zu einer ihr zu gebenden Genugthuung zu veranlassen. Sie kannte ihren Einfluß auf den Prinzen und die geringe Achtung, die dieser seiner Gemahlin schenkte, nur zu wohl, um des Erfolgs nicht gewiß zu sein. Sie hatte die Prinzessin niemals leiden mögen, und diese Abneigung theilte sie mit einer nicht eben geringen Anzahl Gleichgesinnter. Der Grund dazu lag darin, daß Sidonie durchaus ihren eigenen Willen haben wollte und ihre klugen Worte stets unberücksichtigt ließ. Ueberdies verschmähte sie auch die gebräuchlichen Mittel, die Toilette zu verschönen. Denn sie bediente sich weder der falschen Haare, noch des Puders, färbte eben so wenig die Augenbrauen, noch verschönte sie ihren Teint durch Schminke und Schönpflästerchen. Sie verachtete alle diese Dinge, obgleich der herrschenden Mode gemäß sich die Damen des Hofes und der Aristokratie in solcher Weise zu verschönen für eine Anstandspflicht erachteten. Dieser Umstand diente ihr und ihren Gesinnungsgenossen für einen Beweis, daß sich die Prinzessin klüger als sie Alle dünkte, den guten Ton vom Hofe zu verbannen bedacht wäre und obenein die Absicht hegte, daselbst ein prüdes, moralisches Leben einzuführen, wozu sie wie ihre Freunde nicht die geringste Lust verspürten. Gründe genug in Verbindung mit dem soeben Erfahrenen, die Prinzessin recht von Herzen zu hassen.

Um so mehr war sie daher bedacht, sich Genugthuung zu verschaffen.

Sie sah sich in ihren Erwartungen auch wirklich nicht getäuscht; denn nachdem sie dem Prinzen die Angelegenheit in ihrem Sinne vorgetragen und dabei der ihr obliegenden Pflichten als Oberhofmeisterin der unerfahrenen, einem kleinen herzoglichen Hofe entsprossenen Prinzessin gegenüber gedacht und somit ihr Verhalten gegen diese als durchaus berechtigt bezeichnet hatte, gab ihr der Prinz nicht nur seine Zustimmung zu ihrer Klage zu erkennen, sondern auch das Versprechen, die Prinzessin zu der gewünschten Abbitte zu veranlassen. Er sprach überdies seine Ueberraschung über das Verhalten seiner Gemahlin aus, das er durchaus nicht erwartet, überhaupt nicht vermuthet hatte.

Sehr befriedigt schied die Oberhofmeisterin, ihres Sieges gewiß.

Sidonie glaubte den Prinzen mit dieser Angelegenheit nicht behelligen zu müssen und schwieg darum, ohne den Schritt der Oberhofmeisterin zu ahnen; sie war daher nicht wenig überrascht, als der Prinz sie aufsuchte und ihr in ziemlich verletzender Weise Vorstellungen über ihr Verhalten gegen die Erstere machte und es zugleich als eine Nothwendigkeit bezeichnete, derselben einige entschuldigende Worte zu sagen.

Sidonie hatte ihn, wenngleich mit gesteigerter Ueberraschung, so doch ruhig angehört; als er schwieg und ihre Zustimmung erwartete, blickte sie ihn fest an und entgegnete eben so fest, daß sie weit entfernt sei, sein Verlangen zu erfüllen, und sich dazu durchaus berechtigt glaube. Zugleich setzte sie ihm den Vorfall genau auseinander.

Der Prinz schaute sie mit Ueberraschung an; in solcher Weise hatte die Prinzessin noch nie zu ihm zu sprechen gewagt und ebenso wenig ein so bestimmtes, festes Wesen gezeigt. War dies auch zurückhaltend und ruhig, so verrieth es dennoch nichts von der früheren Schüchternheit und Befangenheit. Was jedoch den Prinzen für seine Gemahlin hätte gewinnen sollen, reizte vielmehr seine Empfindlichkeit, und so geschah es, daß er, statt ihr Recht anzuerkennen, auf seinem Verlangen beharrte.