Jetzt schien Sidonien der rechte Augenblick gekommen, dem Prinzen alle jene Momente zu bezeichnen, durch welche das ungeziemende Verhalten der Oberhofmeisterin hervorgerufen worden war, und ihr volles, tief verletztes Herz zögerte damit nicht. Ihre Worte waren bestimmt, sie bezeichneten nur die nicht abzuläugnenden Thatsachen und deren unausbleibliche Folgen, und drückten endlich das bestimmte Verlangen aus, der Rücksichten eingedenk zu sein, die der Prinz ihr als seiner Gemahlin schulde.
In großer Erregung und sprachlos vor Erstaunen starrte sie der Prinz an. Ihre Vorstellungen erschienen ihm als Vorwürfe, die sie ihm zu machen wagte, indem sie sich erkühnte, ihre Mißbilligung über sein Treiben und Verhalten gegen ihn auszusprechen und von ihm eine Rückkehr zu einem bessern, sittlichen Leben, sowie eine achtungsvollere Begegnung von seiner Seite verlangte. Fest, stolz und nichts weniger als schüchtern stand sie vor ihm da, blickte ihn eben so fest an, und ihre ganze Haltung zeigte, daß sie es sehr ernst damit meinte.
Die Wirkung der letzteren auf den Prinzen war eine um so tiefere, da sie ihn so durchaus ungeahnt überraschte und zugleich erkennen ließ, wie sehr er sich hinsichts Sidoniens Charakter getäuscht hatte. Dieser Umstand diente jedoch leider nur dazu, seinen ganzen, ihm beiwohnenden Jähzorn zu erregen und der Prinzessin in der verletzendsten Weise zu entgegnen, daß ihre Vorwürfe eine Anmaßung wären, die er ein- für allemal zurückweise, worauf er sie in großer Erregung verließ.
Durch diesen so unglücklichen Erfolg ihrer Bemühungen tief gebeugt, durch des Prinzen Jähzorn und heftige Worte beleidigt, fühlte Sidonie die ganze Bedeutungslosigkeit ihrer Stellung, war aber auch zugleich überzeugt, daß damit alle näheren Beziehungen zu dem Prinzen ihr Ende erreicht hätten. Sie befestigte sich um so mehr in dieser Ueberzeugung, da der Prinz seit dieser Unterredung nicht nur nicht an ein Aufgeben seines wüsten Lebens zu denken schien, sondern dieses vielmehr in noch erhöhterem Grade fortsetzte, gleichsam um ihr den Beweis der geringen für sie gehegten Achtung zu liefern.
Sidonie nahm das ruhig und geduldig hin; sie hatte die Pflicht gegen sich und den Prinzen erfüllt; mehr zu thun vermochte sie nicht. Wie groß ihr Schmerz darüber war, darf kaum bemerkt werden.
In der Liebe und der Pflege ihres Kindes und in dem vertraulichen Umgang mit Aurelien fand sie den so nothwendigen Trost, wenngleich sie erkannte, daß mit jener Begegnung des Prinzen der erste Schritt zu einem dauernden Kampfe mit demselben gethan war, wollte sie sich dem ihr gewissen Schicksal nicht für die Folgezeit unterwerfen. Daß sie das nicht durfte und auch ihrem Charakter nach nicht vermochte, stand in ihr fest; in welcher Weise sich jedoch ihre Lage entscheiden würde, war eine in der Gegenwart schwer zu beantwortende Frage.
Zwar hatte der Fürst, dem das eheliche Zerwürfniß nicht unbekannt geblieben war, sowol dem Prinzen als auch Sidonien Vorstellungen darüber gemacht und sich bemüht, eine Aussöhnung zwischen ihnen herbeizuführen; jedoch ohne jeden Erfolg.
Der Prinz zeigte keine Neigung, auf Sidoniens, wie er es nannte, überspannte und ungehörige Forderungen einzugehen, und sie vermochte ihren Widerwillen gegen ihn nicht zu bezwingen, und so blieb Alles beim Alten.
In trüber Einsamkeit gingen Sidonien seitdem die Tage hin, zehnfach kummervoller im Hinblick auf ihr verlorenes Liebesglück und in dem Gefühl der Machtlosigkeit, ihrem Leiden ein Ende zu machen. Wie oft ruhte in jener Zeit ihr von Thränen gefeuchtetes Auge auf den Zügen des fernen, so edlen Geliebten! Welch einen Gegensatz bot dieser zu dem Gemahl! — In dieser Zeit ihrer Leiden sollte sie noch ein neuer tiefer Schmerz treffen und ihre Seelenkraft herausfordern: ihr Vater erkrankte bedenklich.
Sie eilte an sein Lager, jedoch nur, um ihn bald zur Gruft zu begleiten.