Zwei Monate darauf starb auch ihre Mutter.

Wir übergehen den schmerzvollen Kummer, den dieser so rasch auf einander folgende doppelte Verlust in ihrer Seele hervorrief; derselbe beugte sie in dem Gefühl, in ihrem Leiden nun auch noch des elterlichen Beistandes beraubt und der Willkür ihres Gemahls anheim gegeben zu sein, unendlich tief und raubte ihr allen Lebensmuth.

Diese sie betreffenden Ereignisse waren zugleich die Ursache, daß sie des Prinzen zügellosem Leben keine Aufmerksamkeit schenkte und froh war, wenn sie nicht durch irgend welche Umstände daran erinnert wurde.

Obgleich der Prinz mit ihr dasselbe Palais bewohnte, lebte er dennoch von ihr getrennt in dem einen Flügel des Schlosses, während sie den andern Theil benutzte. Es fanden daher persönliche Berührungen um so seltener statt, da der Prinz, wie schon bemerkt, sich überdies häufig in der Residenz oder an anderen Orten aufhielt und bei seiner Rückkehr vorzugsweise im Kreise seiner näheren Freunde befand und Gemahlin und Tochter unbeachtet ließ. In solcher Weise waren die Jahre bis zu dem Zeitpunkt dahin gegangen, mit welchem unsere Erzählung beginnt.

Sidonie war, nachdem sie sich von den sie betroffenen Schicksalsschlägen wieder erholt hatte, bemüht, ihr Leben nach ihren Neigungen zu gestalten, das, an und für sich ziemlich einfach, doch nicht ganz der angenehmen Zerstreuung entbehrte.

Außer den Besuchen ihres Bruders, der an des Fürsten Hof eine militärische Stellung bekleidete, empfing sie einmal in der Woche ein paar Herren und Damen, deren sittliche und geistige Vorzüge ihren Wünschen entsprachen.

Musikalische und Theater-Aufführungen gehörten sodann zu den von ihr beliebten Genüssen, denen sie ein gewisses Interesse schenkte.

Ohne jede Rücksicht auf ihren Gemahl gestaltete sie so ihr Leben durchaus selbstständig und wurde darin durch die frühere Oberhofmeisterin nicht mehr gestört, da ihre Vorstellungen bei dem Fürsten die Entfernung derselben trotz dem Prinzen erzielt hatten. Freilich war sie durch den Ersatz derselben auch nicht besonders erfreut worden, da die neue Dienerin allerdings feinere Manieren und ein achtungsvolleres Verhalten beobachtete, übrigens jedoch nichts mehr war, als was in jener sittenverderbten Zeit eine Dame in ihrer Stellung zu sein pflegte. Steife Formen, ein hohles Herz und ein nicht minder hohler Geist, gemischt mit der Vorliebe für Intriguen und dem Verlangen, sich überall Einfluß, namentlich auf die Prinzessin, zu verschaffen.

Trotz alledem war es Sidonie durch ihr sicheres Benehmen gelungen, sich in ihrer Umgebung Ehrerbietung und Achtung zu verschaffen, die sich bei einzelnen Personen sogar bis zu wirklichem Mitgefühl mit ihrem traurigen Geschick steigerte.

Die Welt nannte sie nun nicht mehr die schüchterne, sondern die unglückliche Prinzessin; denn es konnte nicht fehlen, daß das Gerücht von dem ehelichen Zerwürfniß schon lange über die Hofkreise hinaus gedrungen war.