Mit der aufrichtigsten Theilnahme hing manches Auge an dem bleichen, traurigen Antlitz der Prinzessin, wenn sie sich öffentlich zeigte, und mancher Wunsch zu ihrem Glück und einer befriedigenden Aenderung ihrer Lebensverhältnisse wurde ausgesprochen.
Um wie viel größer würde diese Theilnahme gewesen sein, hätte man eine Ahnung von dem Schmerz gehabt, den Sidonie überdies im Herzen trug.
Doch davon wußte die Welt nichts; denn Sidoniens Liebe war Jedermann unbekannt geblieben, Dank des so vorsichtigen und richtigen Verhaltens des edelsinnigen Grafen. Wie sehr dieser bedacht war, dies Geheimniß zu bewahren, können wir aus der Vorsicht entnehmen, welche er bei dem Wiedersehen der Prinzessin beobachtete.
Sehen wir nun, in wie weit es Aurelien gelang, ihre so wohlgemeinte Absicht auszuführen.
Viertes Kapitel.
Die zu des Grafen Besuch bezeichnete Stunde nahte und Aurelie schaute erwartungsvoll durch das Fenster auf die Straße, auf welcher sich der Erstere dem Palais nähern mußte.
Wie war ihr treues Herz doch erfüllt mit Besorgniß, Freude und Kummer, und wie viel hatte sie dem Grafen mitzutheilen, wie viel von ihm zu erfahren! Fast drei Jahre der Trennung lagen ja zwischen ihrem letzten Zusammensein und dem heutigen, so ungeahnten Wiedersehen.
Aurelie hatte die ihr bis zu dem Empfang des Grafen gebliebene Muße dazu benutzt, sich in der ihr eigenthümlichen verständigen Weise alles das zurecht zu legen, was sie dem Grafen mittheilen wollte und wie sie die von ihm jedenfalls zu erwartenden Fragen über Sidonie zu beantworten hätte, um sein edles Herz nicht zu sehr zu betrüben. Sie sagte sich allerdings, daß der Graf mit der Freundin Unglück trotz seiner langen Abwesenheit von der Heimath gewiß bekannt sein würde, ein Verhehlen oder Beschönigen desselben von ihrer Seite daher also kaum einige Wirkung auf ihn ausüben würde; dennoch wollte sie so viel zum Guten beitragen, als in ihren Kräften stand.
Kaum erkannte sie den Grafen wieder, als ihr ausschauendes Auge seine Annäherung gewahrte. Zwar schritt er noch wie ehedem sicher und fest einher; doch zeigte sein durch die südliche Sonne gebräuntes Antlitz einen viel tieferen Ernst als früher, und sein Auge blickte, wenn auch frei, so doch fast düster vor sich hin. Ebenso erschienen ihr seine Züge und die Linien seines Gesichts schärfer ausgeprägt und noch charaktervoller wie ehedem.
In gemäßigtem Schritt und ohne im geringsten die Absicht zu verrathen, seinen Besuch etwa zu verheimlichen, nahte er sich dem Palais. Er trat durch einen Nebeneingang ein und ließ sich von dem daselbst anwesenden Diener zu Aurelien führen. Der Zufall wollte, daß er auf dem Gange zu ihr von Niemand sonst bemerkt wurde. Der festliche Empfang bei der Prinzessin beschäftigte alle Hände in Palais; denn welche Vorbereitungen erforderten damals nicht die übermäßigen Toiletten und wunderlich gestalteten Haartrachten der Damen und auch, wenngleich in geringerem Grade, diejenigen der Herren bis zu dem kleinsten Pagen und Lakaien hinunter. Wie wenig geneigt war man daher, unter solchen Umständen einen so einfach gekleideten Herrn, wie der Graf, dessen Aeußeres seinen vornehmen Stand nicht verrieth, irgend welche Aufmerksamkeit zu schenken, selbst wenn man ihn bemerkt hätte. Eine Menge der verschiedensten Personen aus der Stadt gingen in dem Palais aus und ein, die Aufträge und Geschäfte aller Art daselbst zu erledigen hatten, und so würde man den unbekannten Grafen vielleicht auch zu diesen gezählt haben. Den üblichen Formen gemäß ließ sich der Graf durch Aureliens Kammerzofe anmelden und wurde von der Freundin eben so förmlich empfangen. Alles das geschah in der geheimen Absicht, die stets spionirenden Diener zu täuschen und seinem Besuch jede Auffälligkeit zu nehmen.