Der Graf war mit dem Hofleben viel zu sehr vertraut, um nicht zu wissen, daß in dem vorliegenden Fall eine solche Förmlichkeit eben so nothwendig war, wie eine durch Geschicklichkeit unterstützte Vorsicht. Alle diese Rücksichten endeten jedoch in dem Augenblick, als sie sich allein sahen. Mit der ehemaligen Herzlichkeit und in sichtlicher Bewegung begrüßte der Graf die Freundin. Schweigend drückte er ihr die Hand, und es gingen mehre Augenblicke dahin, ehe er hinreichend gesammelt war, das Wort an sie zu richten.

»Mein Brief wird Sie überrascht haben,« — bemerkte er.

»In der That; denn ich hatte keine Ahnung von Ihrer Rückkehr, noch weniger von Ihrem Besuch hier am Hofe.«

»Ich werde Ihnen die Veranlassung dazu in einer andern Stunde mittheilen; jetzt sagen Sie mir, ist Sidonie wohl und — wie erträgt sie ihr Loos?« —

»Sidonie ist wohl, wenngleich ich leider hinzu fügen muß, daß Sie sie sehr verändert finden werden.« —

»Ich bin darauf vorbereitet,« — entgegnete der Graf finster und fügte hinzu: »Ist es möglich, sie vor dem Empfange zu sehen? Ihre gütigen Worte, beste Freundin, haben mich mit der Hoffnung erfüllt, daß dies geschehen könnte.« —

»Sie haben sich in Ihrer Voraussetzung nicht getäuscht; meine Einladung zu diesem Besuch bezweckte das, und ich wußte, daß Sie meine Worte in meinem Sinn verstehen würden.«

»Sie nehmen meinem Herzen dadurch eine schwere Sorge und ich spreche Ihnen meinen heißen Dank dafür aus,« entgegnete der Graf mit sichtlicher Erleichterung. »So werde ich sie also vorher sehen und sprechen können?« fragte er.

»Ja, mein Freund. Sidonie erwartet Sie, und ich bin sicher, wir werden von Niemand beobachtet werden. Der Prinz ist nicht anwesend, und diesem Umstande verdanken wir die Ermöglichung dieses Wiedersehens.«

»Das Alles giebt mir meinen Muth wieder; denn ich verhehle Ihnen nicht, mich peinigte die Besorgniß, es würde dieses vor dem Hof geschehen müssen.«