»Wir haben das Alles erwogen und sind daher auf einen Ausweg bedacht gewesen. O, wie glücklich ist unsere arme Freundin in dem Bewußtsein, Sie endlich wieder zu sehen!« bemerkte Aurelie und fragte alsdann:

»Sie sind mit Allem — Allem bekannt?«

Der Graf bejahte mit einem schweren Seufzer.

»Ihr Anblick und Ihre Nähe werden ihr Herz mit Muth und Trost beleben, die ihr so nothwendig sind.«

»Möchte der Himmel unser Wiedersehen beschützen und segnen!« — fiel der Graf bewegt ein und fuhr nach kurzer Pause fort: »Ich weiß, daß die Augenblicke für uns kostbar sind, darum bitte ich Sie, mir zu sagen, ob ich Sie an einem andern Ort ungestört sprechen kann, um von Ihnen Näheres über Sidonie zu vernehmen und zugleich die von Ihnen und der Freundin gewünschten Mittheilungen über mein vergangenes Leben machen zu können.«

»Sie kommen meinen Wünschen damit entgegen; denn einen andern Weg giebt es nicht zur Erfüllung unseres Verlangens, da Ihre längeren und wiederholten Besuche bei mir sehr bald bemerkt und besprochen werden würden. Ueberdies sind wir genöthigt, unsere näheren Beziehungen zu einander zu verheimlichen. Denn an unserm verderbten Hofe ist schon das Geringste hinreichend, irgend eine üble Deutung daraus zu ziehen, da man den Werth und das Benehmen Anderer nach sich selbst beurtheilt. Daher gebietet die Vorsicht, uns an einem andern Ort zu treffen, und das soll geschehen. Der heutige Tag nimmt mich, wie Ihnen bekannt, durchaus in Anspruch; doch morgen Nachmittag um die vierte oder fünfte Stunde besuche ich meine Verwandte, Frau von Techow, in der Stadt und werde Sie dort anmelden und erwarten. Frau von Techow ist Witwe und lebt ziemlich eingezogen, und wir werden bei ihr die geeignetste Gelegenheit zum Austausch unserer Gedanken finden.«

»Tausend Dank! Ich werde Sie dort aufsuchen, und es bedarf wol der Versicherung nicht, wie sehr ich mich auf diese Stunde freue.« »So kommen Sie denn, mein Freund. Wir dürfen nicht länger zögern, soll uns unsere Absicht nicht vereitelt werden. Ich führe Sie nach einem Blumenzimmer, zu welchem wir unbemerkt gelangen können, dasselbe grenzt an den großen Gartensaal und dort werden Sie Sidonie sehen. Ich darf Ihnen Ihr Verhalten wol nicht näher bezeichnen, falls wir von irgend einer Seite überrascht werden sollten. Ihr Wunsch, das Palais ein wenig in Augenschein zu nehmen, hat mich bewogen, Sie dahin zu führen. Natürlich müßten dadurch unsere freundschaftlichen Beziehungen verrathen werden; das wäre jedoch in solchem Fall ohne alle Bedeutung. Für Sidonie haben Sie nichts zu besorgen, selbst wenn man Sie im Gespräch mit ihr sähe. Der Zufall und der Ihnen von dem Herzog gegebene Auftrag an die Prinzessin dürften genügende Gründe zur Entschuldigung dieser Annäherung bieten. Ueberdies pflegt Sidonie auch häufig von dem Saal aus nach dem Garten zu gehen, und es dürfte daher nicht auffällig erscheinen, wenn dies auch heute und in dieser Stunde geschieht.«

»Das eben war’s, was mich besorgt machte; nun ich in dieser Beziehung gesichert bin, fühle ich mich ruhiger und bitte, führen Sie mich jetzt zu ihr,« entgegnete der Graf, sichtlich erfreut und beruhigt.

In Folge von Sidoniens Wunsch war Aurelien in dem Erdgeschoß des Palais, und zwar in der Nähe ihrer Gemächer, eine Wohnung eingeräumt worden, damit die Freundin leichter und bequem zu der Prinzessin gelangen konnte.

Aureliens Wohngemach lag neben einigen unbewohnten Zimmern, an welche das Blumenzimmer und der Gartensaal grenzten.