Dieser Umstand ermöglichte es Aurelien jetzt, den Grafen nach dem Ort der Zusammenkunft unbemerkt führen zu können.
Glücklich gelangten sie in das Blumenzimmer, das ihnen einen Ueberblick über den Saal und den Garten gestattete. Die daselbst befindlichen hohen Gewächse schützten sie vor einem zu leichten Erkennen von etwa zufällig Vorübergehenden, indem ihnen dieser Vortheil zugleich gestattete, falls es nothwendig wurde, sich unbemerkt zurückziehen zu können.
Aurelie hatte sich sogleich nach dem offnen Ausgange in den Saal begeben, um sich zu vergewissern, daß daselbst Niemand sei, und zugleich Sidoniens Ankunft zu erwarten, während der Graf zwischen den Pflanzengruppen zurückblieb.
Wie sie es vorausgesehen war der Saal leer, auch deutete die lautlose Stille ringsum an, daß sich in der Nähe kein zu fürchtender Lauscher befand, und so athmete sie froh und beruhigt auf.
Während sie dem Grafen ein Zeichen gab, näher zu kommen, öffnete sich die Thür in Sidoniens Gemach, und die Prinzessin trat mit sichtlicher Erregung ein. Niemand folgte ihr. Sie war bleich und nur das belebte Auge verrieth ihre innere Bewegung. Sie blickte sich forschend um und gewahrte Aurelie und den Grafen.
Sie that wenige Schritte, alsdann blieb sie stehen und lehnte sich auf die ihr rasch genahte Freundin, von der Heftigkeit ihrer Empfindungen überwunden. Mit einem eben so schmerzvollen als innig zärtlichen Blick streckte sie dem nahenden Grafen die Hand entgegen, die dieser ergriff und an die Lippen drückte.
Niemand von ihnen sprach ein Wort. Auge ruhte in Auge, so betrachteten sie sich einige Secunden. Ein unendlich schmerzliches Gefühl zog durch des Grafen Seele, als er die große Veränderung gewahrte, welche die einst so jugendfrische Gestalt der Prinzessin in den wenigen Jahren erlitten hatte.
Die weichen, lieblichen Züge waren einem leidenden Ausdruck gewichen, der sich trotz des liebenden Gefühls, das sie in diesem Moment dem Geliebten gegenüber erfüllte, geltend machte.
Die reizende Jugendfülle war geschwunden und hatte sich in eine auffällige Schlankheit umgewandelt, die um so sichtlicher hervortrat, da ihre Haltung in diesem Augenblick noch hinfälliger als sonst war.
Auch des Grafen Aussehen trug Spuren großer Veränderung; er schien fast um zehn Jahre gealtert; Sidonie bemerkte das sogleich und mit tiefer Wehmuth ruhte ihr Auge auf seiner Gestalt.