O wie schmerzvoll war ihr Wiedersehen! Obgleich von ihren Empfindungen mächtig zu einander gezogen, waren sie dennoch gezwungen, sich fern zu bleiben und mit einem Händedruck zu begnügen. Aber ihre Lage gebot, auch selbst darauf zu verzichten, und bald lösten sich die bebenden Hände von einander und der Graf trat von ihr zurück, um die gewöhnliche ehrerbietige Entfernung zwischen ihnen herbei zu führen.
»O, welche unendliche Freude, Sie endlich, endlich und heute wieder zu sehen!« sprach Sidonie, den Grafen mit inniger Freude betrachtend.
»Ich verdanke dieses nicht gehoffte Glück dem Auftrage Ihres Bruders, dem ich bei meiner Rückkehr einen Besuch abstattete und der mir denselben ertheilte, nachdem er von mir die Absicht vernommen hatte, mich hierher zu begeben,« erklärte der Graf.
»O, wie gut, wie herrlich, daß Sie wieder hier und nicht mehr so weit von mir entfernt sind!« fiel Sidonie ein und fügte alsdann fragend hinzu: »Sie bleiben doch hoffentlich längere Zeit hier?«
»Ich hatte meinen Aufenthalt auf zwei Wochen festgesetzt« — — entgegnete der Graf zögernd.
»Nur zwei Wochen?! O, das ist eine sehr kurze Zeit!« rief die Prinzessin in schmerzlichem Ton. »Nicht wahr, Sie werden ihren Aufenthalt, wenn es sein kann, verlängern und mir dadurch die Gelegenheit verschaffen, Sie öfter und unter günstigeren Verhältnissen wieder zu sehen?«
»Dürfte uns das gestattet sein?« fragte der Graf mit Betonung. »Und warum nicht? Aurelie wird Ihnen mittheilen, in welcher Weise ich hier lebe, und Sie daraus entnehmen, daß ich seit Jahr und Tag mein Leben nach meinem Gutdünken einrichte. Ich empfange in der Woche ein- bis zweimal einige Bekannte, wer wollte es mir verwehren, auch den Freund meines Bruders zu empfangen?« —
»Mir war das unbekannt, und es bedarf wol der Versicherung nicht, wie sehr mich Ihre Güte beglückt,« entgegnete der Graf, eben so sehr überrascht als erfreut.
»Ich setze voraus, Sie stimmen mit meinen Wünschen überein. Warum sollte ich in meiner Lage einer so schönen Freude entsagen, warum den Trost, den mir der Himmel in seiner Güte so unverhofft sendet, zurückweisen? O, ich bin nicht so stark, Uebermenschliches zu ertragen und die Hand nicht nach dem theuren Freunde auszustrecken, der mich in meinem Kummer aufrecht erhält. Die mich umgebende gleißende Herrlichkeit mit ihren Menschen verdient es nicht, ihnen so große Opfer zu bringen. Niemals würde ich mich dazu verstehen. Sie werden Aurelie sprechen und sie wird Ihnen Alles sagen, was Sie wissen müssen, mein theurer Freund, und dann mögen Sie selbst entscheiden,« sprach Sidonie mit festerer Stimme und fügte schmerzlich hinzu: »Ach, wie könnte ich von Ihnen scheiden ohne die Gewißheit des Wiedersehens, eines so oft ersehnten Wiedersehens!«
In tiefer Bewegung ergriff der Graf ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen, während sie freudig erregt fortfuhr: »O, welch eine schöne Stunde wird es sein, in der Sie mir ungestört alles das mittheilen werden, was Ihnen in der langen Zeit unserer Trennung begegnet ist. Wie oft haben wir Ihrer gedacht und Sie auf Ihren Reisen im Geist begleitet! O, wie wahr haben Sie einst gesprochen, daß die Ferne treue Herzen nicht zu trennen vermag, ich habe es an mir erfahren.«