Seine Umgebung und selbst sein vertrauter Kammerdiener Henry hatten das Alles schon oft erfahren müssen. Sein Zorn konnte sich selbst bis zu Thätlichkeiten steigern, in Folge dessen sich alsdann gewöhnlich sein Unmuth verlor und einer an Schwäche streifenden Gutmüthigkeit wich, die alsdann von den klugen und listigen Leuten zum Nachtheil des Prinzen wieder ausgebeutet wurden.
Diese Zeichnung wird zugleich genügen, des Prinzen Verhalten gegen seine Gemahlin zu erklären. Charaktere, wie derjenige des Prinzen, besitzen bei aller Gutmüthigkeit dennoch eine gewisse Abneigung vor Personen von wahrhaft sittlichem Gehalt, deren Anerkennung und Würdigung ihnen nicht nur höchst unbequem ist, sondern auch zugleich nicht denjenigen Genuß zu gewähren vermag, der von ihrer sinnlichen Natur gefordert wird.
Es bewährte sich auch in diesem Fall die oft gemachte Erfahrung, daß der Mensch sich nur in der seinem innersten Wesen zusagenden Umgebung behaglich fühlt, und damit wird der häufig genannte Satz, daß unsere Freunde unsern sittlichen Gehalt bezeichnen, zugleich bestätigt. Den Beweis dafür liefert, außer den übrigen mit dem Prinzen genauer vertrauten Freunden, ganz besonders der Baron von Mühlfels, des Prinzen intimster Freund seit ungefähr einem Jahre. Der Prinz lernte denselben bei einem seiner häufigen Besuche in der Residenz kennen, woselbst ihm der Baron vorgestellt wurde. Das heitere, sinnliche Wesen, mehr noch die Gabe, allerlei dem Prinzen zusagende Genüsse und Belustigungen zu erfinden, sowie das Ablauschen seiner Wünsche und Eingehen auf seine Neigungen nahmen den Prinzen sogleich für den Baron ein, und es vergingen kaum wenige Wochen, so hatte sich der Letztere das ganze Vertrauen des Prinzen zu erwerben gewußt. Hierauf übten noch andere intime Beziehungen, welche der Baron zwischen sich und dem Prinzen herbei zu führen bemüht gewesen, einen wesentlichen Einfluß aus. Ohne dieselben näher zu bezeichnen, bemerken wir nun, daß sie sehr niederer Natur waren. Der Baron war Kapitän bei einem der in der Residenz stehenden Regimenter und ein Sohn der Oberhofmeisterin der Prinzessin Sidonie. Bei dem vor mehren Jahren erfolgten Tode seines Vaters war die ziemlich zahlreiche Familie in nichts weniger als glänzenden Umständen zurück geblieben, die sich nun bemühte, auf irgend eine Weise ihr Glück und sogenannte Carrière zu machen; die männlichen Mitglieder, indem sie bei Hof oder dem Militär eine Stellung suchten, die weiblichen durch eine vortheilhafte Heirath. Durch des Prinzen Fürsprache wurde Mühlfels sehr bald zum Major und dann zum Adjutanten ernannt. Der Baron war später bedacht, seinen Einfluß auf den Prinzen so weit geltend zu machen, daß bei der Neubesetzung der Oberhofmeisterinstelle bei der Prinzessin diese seiner Mutter anvertraut wurde. Es war Mühlfels im Lauf der Zeit gelungen, den Prinzen so sehr für sich einzunehmen, daß dieser seinen Umgang nicht mehr zu entbehren vermochte und daher selten ohne den Baron gesehen wurde. Ebenso darf kaum bemerkt werden, daß der Baron des Prinzen Ausschweifungen nicht nur theilte, sondern sehr viel beitrug, den Reiz derselben für seinen Gebieter zu erhöhen. Es konnte unter solchen Umständen nicht ausbleiben, daß der Baron in alle Geheimnisse des Prinzen eingeweiht war und diesem zugleich in vielen Dingen als Rathgeber diente. Der Prinz gab viel auf das Wort seines Vertrauten und unterwarf sich demselben selbst in oft sehr bedeutsamen Angelegenheiten und unter Verhältnissen, unter welchen alle übrigen Personen seiner Umgebung, ja sogar der fürstliche Oheim selbst, nicht den geringsten Einfluß auf ihn auszuüben vermochten.
Der Baron hatte in solcher Weise dasjenige erreicht, was er so sehnlich erstrebte: eine angenehme, einflußreiche Stellung mit der vielversprechenden Aussicht, dereinst und sobald der Prinz zur Regierung gelangte, noch bedeutendere Vortheile zu erreichen. Diese Umstände hatten ihn nicht nur zum Liebling seiner Mutter, sondern seiner ganzen Familie erhoben, die durch seinen mächtigen Einfluß die Erfüllung ihrer Wünsche mit Sicherheit erwartete.
Indem der Baron in immer vertraulichere Beziehungen zu dem Prinzen trat, fand er zugleich Gelegenheit, einen tieferen Blick in das eheliche Verhältniß desselben zu thun; ebenso gelangte er öfter in Sidoniens Nähe, indem er durch die Aufträge seines Gebieters zu einem persönlichen Verkehr mit ihr veranlaßt wurde. Ihre Schönheit zog ihn sogleich mächtig an, indem zugleich im Hinblick auf das eheliche Zerwürfniß die Hoffnung in ihm erwachte, es müßte ihm nicht eben schwer werden, sich deren Gunst zu erwerben. Der Prinz hatte ihm überdies die für seine Gemahlin gehegte gänzliche Gleichgiltigkeit so oft zu erkennen gegeben, daß er sich überzeugt hielt, derselbe würde auch eben so gleichgiltig etwaige vertrauliche Beziehungen zwischen ihm und Sidonien betrachten. Bei der herrschenden Verdorbenheit aller sittlichen Zustände und namentlich bei den höheren Ständen als zum guten Ton gehörenden Sitte, daß verheirathete Damen stets über einen Cavaliere servante verfügten und sich selbst mit ihren Eroberungen vor aller Welt brüsteten, däuchte ihm die Erfüllung seines Verlangens durchaus nicht mit besonderen Hindernissen verbunden zu sein.
Die Prinzessin lebte eingezogen, hatte nur wenigen Umgang mit Männern, von denen sich, wie er wußte, keiner ihrer besondern Gunst erfreute, war durch ihr eheliches Leben verstimmt und unbefriedigt; es lag also die Voraussetzung nahe, daß sie bei ihrer Jugend auf das Glück der Liebe nicht verzichtet haben könnte und dieses daher in dem vertraulichen Umgange mit einem ihrer Neigung entsprechenden Manne vielleicht suchte. Seiner Ansicht nach würde sie denselben gewiß schon längst gefunden haben, wenn die Verhältnisse anderer Art oder Jemand muthig genug gewesen wäre, sich der Prinzessin mit offener Verehrung zu nahen. Ihm nun boten sich alle Vortheile durch seine Stellung bei dem Prinzen dar, die überdies noch durch diejenige seiner Mutter bei Sidonien wesentlich unterstützt werden konnten. Alle diese Umstände erhöhten den Muth und die Hoffnung des Barons in hohem Grade.
Er war jedoch eben so vorsichtig als ehrgeizig und daher bedacht, bevor er seine Pläne verfolgte, sich über Sidoniens Gefühle für ihn erst genaue Kenntniß zu verschaffen. Es entging ihm nämlich schon bei den ersten Begegnungen mit der Prinzessin nicht, mit wie wenig gütigen Augen sie den Freund ihres Gemahls betrachtete, von welchem sie voraussetzen konnte, daß derselbe des Prinzen Ausschweifungen theilte.
Er erkannte daher die Nothwendigkeit, bevor er sich selbst der Prinzessin nährte, durch Andere zu seinen Gunsten auf sie wirken zu lassen, indem er sich ihr nicht etwa als den übeln Freund ihres Gemahls, sondern als den guten Engel desselben darstellen ließ, der nur duldete, was er nicht zu ändern vermochte, der dies jedoch lediglich in der edeln Absicht that, den Prinzen auf den Weg der Sittlichkeit zu leiten.
Einer solchen Täuschung durfte er sich um so sicherer bedienen, da er überzeugt war, daß sein wahres Verhältniß zu dem Prinzen von Sidonien nicht erforscht werden konnte. Denn änderte der Prinz sein wildes Leben nicht, so trug nicht er, sondern sein fürstlicher Gebieter die Schuld; er konnte ja trotz alledem dennoch immer seine wohlmeinende Absicht verfolgen, wenn auch das Resultat nicht das gewünschte und erwartete war. Vor allen Dingen war er daher bedacht, seine Mutter in seine Pläne einzuweihen und sie zu veranlassen, Aurelien seine Bestrebungen mitzutheilen. Mit den vertraulichen Beziehungen der Letzteren zu Sidonien bekannt, konnte er mit Bestimmtheit erwarten, daß die Prinzessin durch ihre Freundin von demjenigen unterrichtet wurde, was sie über ihn erfahren sollte.
Zu seiner Freude bemerkte er bald, daß seine so wohlüberlegten Bemühungen die gewünschten Wirkungen ausübten, denn sowol Aurelie als auch die Prinzessin schenkten ihm eine größere Freundlichkeit als bisher. Er erwiderte dieselbe durch die ehrerbietigste Ergebenheit, welche er namentlich der Prinzessin gegenüber an den Tag legte.