Jetzt nährte er sich Aurelien mehr und mehr, benutzte die geeignete Gelegenheit, ihr sein Bedauern über das Unglück der Prinzessin und seine aufrichtigste Theilnahme für diese auszudrücken, indem er zugleich seinen Kummer aussprach, so geringen Einfluß auf den Prinzen gewonnen zu haben, um dadurch in guter Weise auf diesen wirken zu können.
Seine Worte fanden bei Aurelien um so leichter Eingang und Beifall, da der Baron seine Rolle vortrefflich zu spielen und sie durch ein einfaches und offenes Wesen zu täuschen verstand. Ohne seine so verwerflichen Pläne zu ahnen, fühlte sie sich um so weniger zu einem Argwohn bewogen, da Sidoniens Lage zu sehr geeignet war, das Mitleid Anderer heraus zu fordern; vielmehr freute sie sich doppelt, ein solches bei dem Vertrauten des Prinzen zu entdecken. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie mit Sidonien darüber sprach und auch diese durch das Vernommene angenehm berührt wurde und Beide dem Baron fortan mit Wohlwollen entgegen kamen.
In solcher Weise gesichert, ging Mühlfels jetzt an die Ausführung seiner Absicht. Er zweifelte an dem Gelingen derselben nicht. Hierzu glaubte er sich nicht nur durch die bereits erzielten Vortheile, sondern noch viel mehr durch seine persönlichen Vorzüge und die ihm von der Frauenwelt geschenkte Zuneigung berechtigt. Er mochte in seinem Sinne Recht haben; denn Mühlfels war in der That ein eben so schöner als von den Damen gesuchter und verehrter Mann. Ueberdies besaß er die Gabe angenehmer Unterhaltung und die Kunst, stets den beliebten Ton anzuschlagen; rechnen wir dazu das von ihm gewöhnlich beobachtete offene und heitere Wesen, so kann es nicht überraschen, wenn es ihm nicht nur gelang, sich beliebt zu machen, sondern auch selbst schärfer Blickende über seinen eigentlichen Charakter zu täuschen.
Erwägen wir dabei noch seine seltene Beharrlichkeit, mit welcher er seine Absichten zu verfolgen pflegte, so werden wir die nicht geringe Gefahr erkennen, der sowol Sidonie als ihre Freundin entgegen gingen, nämlich nicht nur getäuscht zu werden, sondern auch ihr Vertrauen obenein gemißbraucht zu sehen.
Bedurfte es auch einer nicht eben kurzen Zeit, ehe des Barons anscheinend absichtslose Worte Eingang in ihre Herzen fanden, so war die dadurch erzielte Täuschung darum auch zugleich eine um so sicherere.
Ein weiterer Umstand, des Barons Annäherung nicht ganz abzulehnen, war Sidoniens Verlangen, den Prinzen zu einem sittlicheren Leben zurück zu führen. Sie selbst hatte, wie sie zur Genüge erfahren, nicht den geringsten Einfluß auf ihn und fast eben so wenig auch der Fürst; Mühlfels dagegen einen um so größeren.
Wie natürlich also, daß sie die Hand nicht zurückwies, die sich ihr in anscheinend hochachtungsvoller Weise darbot, ein und dasselbe Ziel zu erreichen; denn nachdem sie einmal der Täuschung über des Barons Absichten erlegen war, würde es ja unverständig gewesen sein, die Annäherung des einzigen Mannes abzuweisen, der befähigt war, in ihrem Sinne auf den Prinzen zu wirken.
Durch die anhaltenden Bemühungen seiner Mutter unterstützt, begann nun Mühlfels, sich Sidonien in der Maske des aufrichtigen und theilnehmenden Freundes vorsichtig zu nähern. Er erkannte dabei jedoch sehr bald, wie sehr er sich in der Voraussetzung eines leichten Sieges über sie getäuscht hatte und wie wenig Sidonie geneigt war, die Huldigungen eines selbst so einnehmenden Mannes, wie er, als etwas längst Gewünschtes anzunehmen. Er glaubte den Grund dazu in dem Kummer suchen zu müssen, den Sidonie über ihre unglückliche Ehe empfand, so wie in dem Interesse, das sie, wenigstens in einem gewissen Grade noch, für ihren Gemahl hegte. Es fiel ihm nicht ein, zu erwägen, daß der sittliche Charakter der Prinzessin trotz der dazu herausfordernden Umstände und Sitten dergleichen ablehnen müßte.
Von der obigen Voraussetzung erfüllt, erkannte er daher die Nothwendigkeit, Sidoniens Interesse für den Prinzen ganz und gar zu zerstören, um sich dadurch den Weg zu ihrer Gunst zu bahnen.
Und so geschah es, daß er ihr des Prinzen Treiben mit den schwärzesten Farben durch seine Mutter ausmalen ließ und ihr, wenn er Gelegenheit fand, persönlich mit ihr zu verkehren, nicht nur seinen Kummer, sondern sogar seine Entrüstung über dasselbe andeutete.