Trotz alledem glaubte er aus der Prinzessin Verhalten gegen ihn dennoch entnehmen zu müssen, daß der rechte Zeitpunkt, ihr seine Verehrung offen zu erkennen zu geben, noch immer nicht gekommen sei. Darauf hindeutende Bemerkungen von seiner Seite schien sie nicht zu verstehen oder als Zeichen gewöhnlicher Theilnahme zu betrachten, für welche sie ihm durch ein gütiges, keineswegs jedoch wärmeres Benehmen dankte.

Diese wenig ermunternden Umstände schreckten den Baron jedoch von seinem Vorhaben nichts weniger als zurück, noch weniger veranlaßten sie ihn etwa zum Aufgeben desselben; im Gegentheil wuchs seine Interesse für Sidonie, die ihm in ihrer Unbefangenheit und in ihrem Kummer nur noch reizender erschien. Hierauf übte auch die Entdeckung, einer wahrhaft sittlichen Frau gegenüber zu stehen, keinen geringen Einfluß aus, dieselbe war ihm neu und überraschend. Leichtsinn, Eitelkeit und Gefallsucht waren die Grundelemente derjenigen Frauencharaktere gewesen, die er bisher kennen gelernt hatte, und die neuen Bekanntschaften in dieser Beziehung unterschieden sich in nichts von den früheren. Freilich übersah er dabei, daß er sich nur immer in Kreisen bewegte, in welchen die Freiheit der Sitten eine sehr bedenkliche Höhe erreicht hatte und fast Sittenlosigkeit genannt werden mußte.

Mit der ihm eigenthümlichen Beharrlichkeit verfolgte er daher seinen Plan, durchaus überzeugt, früher oder später, jedoch sicher zu dem gewünschten Ziel zu gelangen, da Sidoniens Interesse für den Prinzen sich in der That namentlich in der letzten Zeit auffällig vermindert zu haben schien. Sie zeigte sich überdies gütiger gegen ihn und beehrte ihn sogar durch eine Einladung zu ihren Abendcirkeln, in welchen der Baron durch sein Unterhaltungstalent zu glänzen sich bemühte, das Sidonie gern anerkannte und sie wahrscheinlich auch zu der Einladung bestimmt hatte.

Dies war der Erfolg, den der Baron zur Zeit des Beginns unserer Erzählung erzielt hatte, und wir nehmen den Faden derselben wieder auf.

Dem Befehl des Prinzen gemäß begab er sich nach seiner Wohnung und bereitete sich zu dem Empfange bei der Prinzessin vor, um bald zu dem Ersteren zurückkehren und die weiteren Aufträge vernehmen zu können. Zu diesen zählte er vor allen den mit Bestimmtheit erwarteten Auftrag, die Prinzessin im Namen ihres Gemahls zu begrüßen und ihr die Frage zu überbringen, zu welcher Stunde es ihr angenehm sein würde, die erwarteten Personen zu empfangen.

Zufolge der üblichen Formen mußte der Prinz dabei anwesend sein, so wie es sich verstand, daß er seine Gemahlin den auf sie harrenden Personen zuführte und ihr vorher seinen Glückwunsch abstattete. Der Baron fand also bei der Ausführung seines Auftrages die sehr gewünschte Gelegenheit, in seinem eigenen Interesse zu wirken, wozu das heutige Fest eine willkommene Veranlassung bot.

Er kleidete sich daher so sorgfältig als möglich und erwog dabei zugleich die Worte, mit welchen er die Prinzessin zu beglückwünschen und in die er zugleich seine Huldigung zu verflechten gedachte.

Während seiner Bemühungen war der Prinz weit entfernt, sich in ähnlicher Weise mit seiner Gemahlin zu beschäftigen; im Gegentheil war ihm das Fest, da es ihm allerlei Zwang und Langeweile brachte, nichts weniger als erwünscht. Aber so lästig ihm auch dasselbe war, konnte er es dennoch nicht gut umgehen und hatte sich also in das Unvermeidliche ergeben.

Nachdem er sich durch ein Bad und ein vortreffliches Frühstück gestärkt, der Hof-Friseur und Barbier ihm die nöthigen Dienste geleistet hatten, ließ er sich von Henry ankleiden, wobei er wie gewöhnlich nach denjenigen Dingen und Personen fragte, für welche er ein gewisses Interesse hegte. Der verschmitzte Diener, mit dem Geschmack seines Gebieters hinlänglich vertraut, wußte allerlei pikante Geschichtchen zu erzählen, deren Inhalt gewöhnlich ziemlich zweideutiger Art und dem Gebiet der Intrigue und Galanterie entlehnt waren und nicht nur am Hofe, sondern auch in sehr gewöhnlichen Gesellschaftskreisen stattgefunden hatten.

Henry übertraf sich im Hinblick der wenig behaglichen Stimmung des Prinzen heute selbst, indem er in dem Bemühen, ihn zu erheitern seine ganze Erfindungskraft anstrengte und dabei die derbsten und schlüpfrigsten Geschichten zu Tage förderte, von welchen nur wenige den Schmuck der Dichtung entbehrten. Aber er kannte seinen Prinzen zu wohl, um den Haut gout zu sparen, und so gelang ihm seine Absicht vortrefflich. Der Prinz belustigte sich, lachte, und ehe noch seine Toilette vollendet war, befand er sich in einer bessern Stimmung.