»Ich weiß es, lieber Baron, und danke Ihnen für Ihre Ergebenheit. Doch, lassen wir das! Sie wissen, wir ändern in dieser Beziehung nichts,« entgegnete Sidonie in einem so unbefangenen Ton und ohne ein Zeichen von Unmuth über die erfahrene Vernachlässigung, daß Mühlfels sie überrascht anschaute, da er weit entfernt war, den Grund ihrer Gleichgiltigkeit zu ahnen und diese aus Sidoniens geringem Interesse für den Prinzen herleitete. Dieser Umstand sowie der Prinzessin gütiges Wesen, das mehr Wärme denn jemals verrieth, erfüllten ihn mit der angenehmen Täuschung, in ihrer Gunst vorgeschritten zu sein.
Durch diese Entdeckung sehr beglückt, und genöthigt zu dem Prinzen zurückzukehren, sprach er die Hoffnung aus, die Prinzessin würde ihm gestatten, das so lange entbehrte Glück in der nächsten Abendgesellschaft bei ihr in verdoppeltem Maße genießen zu dürfen, und entfernte sich alsdann. —
»Nun, Sie sind wol nicht freundlich empfangen worden?!« rief ihm der Prinz bei seiner Rückkehr entgegen.
»Besser, als ich erwartete,« entgegnete der Baron.
»Hoheit befinden sich also in guter Stimmung und sind nicht unmuthig, daß ich erst jetzt bei ihnen anklopfen lasse?« fragte der Prinz in sarkastischem Ton.
»Durchaus nicht, die Stimmung der Prinzessin ist eine sehr gute, und Hoheit scheinen den Gemahl kaum erwartet zu haben,« bemerkte Mühlfels leichthin, in den Ton des Prinzen sogleich eingehend.
»Desto besser! Je gleichgiltiger ich ihr bin, um so lieber ist es mir; denn um so weniger wird sie mich mit ihren Prätensionen belästigen,« warf der Prinz hin und bemerkte alsdann: »Doch ich will zu ihr! Erwarten Sie mich im Empfangssaal!«
Mit diesen Worten begab sich der Prinz zu Sidonien, die er jedoch nicht mehr in ihren Gemächern, sondern bereits in dem Gartensaal traf, woselbst sie ihn, umgeben von der Oberhofmeisterin und den Hofdamen, erwartete, da sie es absichtlich vermied, ihn ohne Zeugen zu sprechen.
Ruhig und gleichgiltig sah sie seinem Nahen entgegen und eben so ruhig und ohne ihn anzusehen vernahm sie seine beglückwünschenden Worte, die eben nur Worte waren und nicht das geringste aufrichtige Mitgefühl verriethen. Sie achtete kaum darauf und reichte, als er ihr die Hand darbot, um sie nach dem Empfangssaal zu führen, ihm mit einer gewissen Ueberwindung und abgewendetem Antlitz die Fingerspitzen hin. Als sie den Saal betraten, fanden sie daselbst mehre dem fürstlichen Hause verwandte Personen, so wie die höchsten Staatsbeamten, Gesandten und Deputationen der Residenzen und andere zu dem Hof gehörige Beamte versammelt, und die Gratulations-Cour nahm ihren Anfang.
Sidoniens Auge hatte sogleich den Grafen gesucht, den sie zu ihrer freudigen Ueberraschung neben ihrem Bruder stehen sah, mit welchem er sich unterhielt. Sie hatte das zu sehen erwartet; denn der Graf war mit ihrem Bruder an dem herzoglichen Hof näher bekannt geworden, und da sie dessen Anwesenheit voraussetzen durfte, so konnte dieses Zusammentreffen nicht ausbleiben, was sie überdies von Herzen wünschte.