Sogleich von den fürstlichen Personen in Anspruch genommen, hatte Sidonie den Grafen nur flüchtig betrachten können; bald jedoch nahte auch für diesen der Augenblick, sich seines Auftrages gegen sie zu entledigen, und mit vermehrtem Herzschlage sah sie seiner Annäherung entgegen. Ruhig trat der Graf an sie heran, begrüßte sie im Namen ihres herzoglichen Bruders mit einigen gewählten Worten und überreichte ihr alsdann das von demselben empfangene Schreiben.
Unbefangener, als sie gefürchtet, nahm sie dasselbe entgegen; ihre Stimme war jedoch nicht ganz sicher, als sie dann dem Grafen ihren Dank dafür ausdrückte und hinzu fügte, wie sehr es sie freue, Nachrichten aus ihrer Heimath zu erhalten. »Sie würden mich sehr verbinden,« fuhr sie fort, »wollten Sie mir später noch einige Mittheilungen darüber machen. Auch habe ich vernommen, daß Sie von einer größeren Reise in fernen Ländern zurückgekehrt sind; da haben sie gewiß sehr viel Schönes und Interessantes gesehen und erlebt, dessen Kenntnißnahme mir sehr erwünscht und den Gästen in meinem Abendcirkel nicht minder angenehm wäre; ich hoffe, Sie werden uns Ihre Erfahrungen nicht vorenthalten.« —
Der Graf sprach die Versicherung aus, daß ihm die Erfüllung ihres Wunsches zur höchsten Ehre gereichen würde, und bat, ganz nach Belieben über ihn verfügen zu wollen.
»So will ich Ihre Güte schon in dem nächsten Abendcirkel in Anspruch nehmen, und werde in der Gewißheit Ihres Erscheinens meine Gäste darauf aufmerksam machen lassen,« fiel Sidonie ein, neigte sich freundlich gegen ihn, und der Graf begab sich nach seinem früheren Platz zurück.
Sidonie hatte den Grafen absichtlich in Gegenwart des ganzen Hofes und des Prinzen eingeladen, theils um diesen mit den Gründen dazu bekannt zu machen, theils allen falschen Muthmaßungen ihrer Umgebung durch ein so offenes Handeln vorzubeugen. Der Prinz hatte dem Grafen eine nur flüchtige Beachtung geschenkt. Ihm gefiel das ernste, fast gemessene Wesen, der feste, überlegene Blick und die Achtung gebietende Gestalt desselben nicht; er hegte gegen dergleichen Erscheinungen geradezu eine Abneigung, und so zog er es vor, sich während des Gesprächs der Prinzessin mit einem in der Nähe befindlichen Verwandten zu unterhalten. Dennoch vernahm er Sidoniens Worte und die Einladung des Grafen zu den Abendcirkeln. Er achtete darauf jedoch nicht, da ihm die Angelegenheiten seiner Gemahlin durchaus gleichgiltig waren und sein Interesse obenein durch die Mittheilung seines Verwandten in Anspruch genommen wurde, der, mit der Vorliebe des Prinzen für die reizende Tänzerin Zelia vertraut, diese über die Maßen pries.
Endlich erreichte die Gratulations-Ceremonie ihr Ende, und die Prinzessin athmete bereits hoch auf, diesem Zwange endlich überhoben zu sein, als eine Bewegung unter den Anwesenden die Ankunft des Fürsten und seiner Gemahlin verkündete.
Bald erschienen die Letzteren und wurden von Sidonien und dem Prinzen empfangen, worauf alsdann die üblichen Gratulationen abgestattet wurden, von welchem diejenige der bereits bejahrten, etwas leidenden Fürstin besonders herzlich war.
Der Fürst liebte dergleichen nicht und faßte sich kurz; er schien sich nicht der besten Stimmung zu erfreuen, wie der scharfe und unmuthige Blick, mit welchem er den Prinzen begrüßte, andeutete.
Nachdem er einige Worte mit der Prinzessin gewechselt hatte, reichte er ihr den Arm und führte sie nach dem Gartensaal zurück und von hier in den Garten.
Der Prinz geleitete die Fürstin, indem er seinem Oheim folgte. »Ich hoffe, liebste Prinzessin, wir werden den heutigen Tag angenehm verleben. Ich habe Arrangements zu einigen Festlichkeiten treffen lassen, und meine, dieselben werden Ihren Wünschen entsprechen,« bemerkte der Fürst, während sie durch eine Allee dahinschritten.