Sie begaben sich darauf wieder nach dem Palais, woselbst sich der Fürst und dessen Gemahlin verabschiedeten.

Es war nun für den Prinzen der günstige Augenblick gekommen, den Wunsch seines Oheims zu erfüllen; dennoch war er weit entfernt, dies zu thun, und beeilte sich vielmehr, nach einer stummen Verbeugung vor Sidonien den Saal zu verlassen, ohne ihr einmal seine Begleitung zu dem Festdiner bei dem Fürsten anzubieten.

Die Unterredung mit dem Fürsten hatte seine Abneigung gegen Sidonie statt zu mindern, wesentlich erhöht und seinen Unmuth gegen sie bedeutend gesteigert. Es übte hierauf noch ganz besonders die Voraussetzung, Sidonie habe sich seinetwegen bei dem Fürsten beklagt und diesen zu der unangenehmen Ermahnung veranlaßt, ihren unheilvollen Einfluß aus.

Er ahnte nicht, welche große Wohlthat er durch seine so rasche Entfernung Sidonien erzeigte. Die ihr von dem Fürsten zugeflüsterten Worte ließen sie erwarten, daß der Prinz, sobald sie allein sein würden, sich ihr in irgend einer Weise nähern würde; sie bebte davor zurück, da ihre Empfindungen zu einer Unterredung mit ihm nichts weniger als geeignet waren. Ja, sein Anblick schon war ihr heute doppelt unangenehm, und so athmete sie froh und freudig auf, als er sie so schnell verließ.

Niemals, das fühlte sie tief, niemals konnte wieder ein Verhältniß zwischen ihr und dem Prinzen hergestellt werden, wie es der Fürst wünschte. Ihre innerste Natur sträubte sich mit aller Kraft dagegen; mochte sich ihr Schicksal gestalten wie es wollte, sie fühlte sich stark und kräftig genug, sich in ihren Empfindungen und ihrem Willen zu behaupten. Aus des Grafen festem, ruhigem Wesen hatte sie Muth und Kraft, und aus seinem liebenden Auge die Ueberzeugung geschöpft, nur ihm allein in Liebe angehören zu können. O, wie beseligte sie der Gedanke, daß es doch noch ein Glück, ein süßes, unendlich süßes Glück für sie auf der Welt gab, und dieses Glück war ihr zu heilig, um es einer hohlen Staatspraxis opfern zu können.

Fünftes Kapitel.

Die Geburtstagsfestlichkeiten, denen Sidonie bisher mit keinem frohen Herzen beigewohnt hatte, gewährten ihr diesesmal eine ganz ungewöhnliche Freude, da sie die selben mit dem Grafen theilen durfte, der dazu selbstverständlich Einladungen erhalten hatte.

War es ihr auch bei dem Diner und der Theatervorstellung nicht gestattet, mit dem Grafen zu verkehren, so durfte ihr Auge doch zu ihm gehen und sich an seinem Anblick erfreuen und aus seinem innigen Blick die Ueberzeugung schöpfen, daß sein Herz ihre Freude theilte.

Der der Vorstellung folgende Ball verschaffte ihr alsdann die so ersehnte Gelegenheit, sich mit dem Grafen eine kurze Zeit zu unterhalten. Auf ihren Wunsch führte ihr Bruder ihn zu ihr, und gemeinschaftlich gedachten sie alsdann der Heimath und der daselbst verlebten schönen Tage.

Da Sidonie und auch der Graf nicht tanzten, so konnte ihre verlängerte Unterhaltung um so weniger auffallen, da es natürlich erschien, daß die Prinzessin sich für das Vergnügen des Tanzes einen solchen Ersatz suchte. Uebrigens war man daran gewöhnt; denn Sidonie hatte schon seit mehren Jahren den Tanz unter dem Vorgeben abgelehnt, daß ihr derselbe nicht gut thue.