Das fürstliche Paar und auch Sidonie zogen sich bald zurück; sie pflegten selten lange an dergleichen Festlichkeiten Theil zu nehmen, und mit der beendeten Unterhaltung mit dem Grafen hatte das Fest für die Prinzessin jeden Reiz verloren. Bald nach ihnen verließ auch der Graf das Palais. Der Prinz jedoch blieb zurück, um mit seinen Freunden noch eine Stunde hier und später an einem andern Ort in der gewünschten Freiheit zu verleben, wozu Mühlfels wie gewöhnlich die Anordnungen getroffen hatte.
In ihrem Palais angelangt, ließ sich Sidonie rasch ihrer Staatsgarderobe entledigen und erging sich alsdann mit Aurelien noch lange in einem vertraulichen Gespräch über alle die so besonderen Vorgänge des Tages, zu welchen sie vor Allem das Wiedersehen des Grafen zählte.
Voll der innigsten Theilnahme vernahm Aurelie der Freundin Worte, aus denen die reinste Freude über das süße Glück sprach, das ihr der gütige Himmel in der Wiederkehr des theuern Freundes geschenkt hatte. Von ihren Empfindungen ganz erfüllt, bemerkte Sidonie den gedankenvollen Zug in Aureliens Antlitz nicht, der ihr sonst verrathen hätte, daß sich neben der warmen Theilnahme auch zugleich die Sorge in deren Herzen geltend machte.
So war es in der That, und während Sidonie plauderte, erwog die Freundin bereits, um wie viel schwerer die Prinzessin nach dem Fortgange des Grafen ihr Leid ertragen werde. Zu wohl hatte sie erkannt, mit welcher Innigkeit sich Sidoniens Seele an den Geliebten klammerte und die bereits im Lauf der Jahre unterdrückte Leidenschaft sich mit um so größerer Heftigkeit geltend machte.
Doch sprach sie ihre Besorgniß nicht aus, sondern bemühte sich vielmehr, dieselbe durch ihre Theilnahme zu verhehlen, da sie es nicht über sich vermochte, der Freundin kurzes Glück durch dergleichen betrübende Erinnerungen zu beeinträchtigen. Und so geschah es, daß sie sich heute in sehr verschiedenen Stimmungen von einander trennten.
Der Graf war, gleich Aurelien, mit dem Gefühl der Besorgniß von dem Fest geschieden, das sich um so mehr in ihm geltend machte, da das Wiedersehen eine gleiche Wirkung auf ihn wie auf Sidonie ausgeübt und seine Liebe noch gesteigert hatte.
Hierauf waren Sidoniens unglückliche Tage, der tiefe Kummer, der sich in ihrem so außerordentlich veränderten Aussehen verrieth, und vor Allem die Kenntnißnahme von des Prinzen niederem Charakter von wesentlichem Einfluß. Er sagte sich, daß Sidonie früher oder später diesem unheilvollen Verhältniß erliegen müßte und ihr Untergang um so sicherer wäre, da keine Aussicht zu einer Aenderung desselben vorhanden war. Was sie einem glücklicheren Leben wieder hätte zuführen können, die Trennung von dem Prinzen und die Vereinigung mit ihm, däuchten ihm unerreichbare Dinge, wollte man nicht Sitte und Gesetz unbeachtet lassen.
Der Graf litt um so tiefer unter dieser nieder beugenden Erkenntniß, da er sich als der natürliche Beschützer der Geliebten fühlte, wie dies überhaupt in der Natur des Mannes begründet ist, und zugleich die Unmöglichkeit erkannte, ihr irgend welchen Schutz zu gewähren. Hatte er früher, als Sidoniens Vermählung bestimmt wurde, einen schmerzvollen Kampf durchgekämpft, so forderte ihn die Gegenwart zu einem noch viel gewaltigern heraus. Unwiderstehlich drängte sein Herz zu ihr hin, von dem heißen Verlangen erfüllt, die von Kummer gebeugte Geliebte an seiner Brust zu einem neuen frohen Leben wieder aufzurichten und das von Leid getrübte Auge durch ein Lächeln der Freude zu verschönen, und dennoch mußte er fern von ihr stehen und unthätig zuschauen, wie das Unheil seinen Weg verfolgte.
O, es war wol der schreiendste Mißgriff des Geschicks, der diese herrliche, edle Frau, deren Seelen- und Geistesvorzüge zu dem schönsten Genuß des Lebens berechtigten, an eine so niedere Natur kettete und sie den empfindlichsten Leiden preisgab! —
Der Graf sah sich von dem schmerzlichen Bedauern überrascht, seiner Sehnsucht nach Sidoniens Anblick gefolgt zu sein und sich in ihre Nähe begeben zu haben; daß er sich ihr jedoch in der bereits bekannten Weise nähern sollte, ahnte er nicht, noch lag dies in seinem Vornehmen.