Bei seiner Rückkehr nach einer so langen Abwesenheit erachtete er es für seine Pflicht, dem ihm von früher befreundeten Herzog einen Besuch abzustatten, bei welcher Gelegenheit er diesem die Absicht verrieth, seine Verwandten in der Residenz aufzusuchen.
Dieser Umstand war der Anlaß, daß ihm Sidoniens Bruder den Auftrag für diese ertheilte, den der Graf um so weniger ablehnen durfte, da der Herzog die freundschaftlichen Beziehungen, in welchen der Graf früher mit der Prinzessin stand, kannte und daher voraus setzte, es würde der Erstere seiner Schwester ohnehin einen Besuch machen wollen.
Das lag jedoch nicht in des Grafen Absicht; er gedachte vielmehr seine Verwandten nur ganz in der Stille und für kurze Zeit zu besuchen und dabei die Gelegenheit wahrzunehmen, Sidonie aus der Ferne zu sehen und sich von ihrer Lage zu überzeugen.
Der Auftrag des Herzogs zerstörte seinen Plan, und mit Bangigkeit sah er dem Weiteren entgegen, indem er weniger für sich als für Sidonie fürchtete. Er war daher sehr beglückt, als die Hand der treuen Freundschaft die mit dem Wiedersehen verknüpften Gefahren in der uns bekannten Weise aus dem Wege zu räumen sich beeilte und dieses selbst dann ganz nach ihren Wünschen stattfinden konnte.
Mit dem tiefsten Dankgefühl für Aureliens liebevolles Handeln erfüllt, begab er sich zu der festgesetzten Stunde in das Haus der Frau von Techow; es war ihm ein großes Bedürfniß, sich mit der Freundin aussprechen und ihr seine Besorgnisse mittheilen zu können und aus ihrem verständigen Munde Aufklärung und Rath zu empfangen. Denn er glaubte sich in der Voraussetzung nicht zu täuschen, daß Aurelie die eigenthümliche Lage, in welche sein Besuch Sidonie und ihn selbst versetzt hatte, bereits erwogen und ihm daher die nothwendigen Winke über sein künftiges Verhalten Sidonien gegenüber ertheilen würde.
Er wurde von der Dame des Hauses und der bereits anwesenden Freundin empfangen, und die Erstere, wahrscheinlich mit Aureliens Wunsch bekannt, war bedacht, bald ein ungestörtes Alleinsein zwischen ihnen herbei zu führen.
Nach einigen, das persönliche Interesse betreffenden, Fragen und Antworten fragte der Graf:
»Ist unsere Zusammenkunft unbeachtet geblieben?«
»Gott sei Dank, ja, wenigstens habe ich bis jetzt nichts entdeckt, was auf das Gegentheil schließen ließe, und ich kann Sie versichern, daß, hätte man nur eine Ahnung davon, mir dies gewiß schon durch irgend welchen Umstand verrathen worden wäre. Ich kenne die Mienen und das Gebahren meiner Umgebung zu gut, um sie nicht richtig zu beurtheilen.«
»Ich schöpfte diese Beruhigung allerdings schon gestern aus Sidoniens unbefangenem Benehmen; doch sind mir darum Ihre Worte von nicht minderem Werth, und ich sage Ihnen nochmals für Ihre so edle Freundschaft den innigsten Dank. Jetzt erst vermag ich mich des ganzen Glücks zu erfreuen, das mir der gestrige Tag gebracht. Noch däucht mir Alles wie ein Traum. Wie sehr hatte die langjährige Trennung mich von dem Gedanken an die Möglichkeit entfremdet, in Sidoniens Nähe zu gelangen, und nun ist geschehen, was ich niemals zu ahnen wagte.«