»Es geht mir wie Ihnen, mein Freund; wie konnte das auch anders sein! Oft, sehr oft haben wir gemeinschaftlich erwogen, ob und wann Sie wol zurückkehren würden, ohne daß wir zu hoffen wagten, unsere Wünsche würden sich in solcher Weise erfüllen. Gott sei gepriesen, der Sie wieder in die Heimath gelangen ließ. Die Freude, die ich darüber empfinde, ist um so größer, da ich weiß, wie sehr unsere Freundin dadurch beglückt worden ist: Ihr Wiedersehen hat ihr nach langer, langer Zeit eine wahrhaft glückliche Stunde bereitet,« entgegnete Aurelie und fügte seufzend und mit Betonung hinzu: »Und glauben Sie mir, mein Freund, sie bedurfte einer solchen Freude. — Denn ist sie auch bedacht, dem Leben so viel als möglich Interesse abzugewinnen, so habe ich doch nur noch gestern Gelegenheit gefunden, zu erkennen, daß ihre Liebe doch ihr Alles ist. Sidoniens Charakter hat sich an den sie stets heraus fordernde Verhältnissen und Bemühungen schnell entwickelt und befestigt, mit ihm aber auch alle ihre Empfindungen, vor Allen ihre Liebe, wie das nur natürlich ist. Und die verborgene Liebe wächst doppelt mit dem wachsenden Leid, das sie bedrängt. Strömen doch alle Gedanken und Empfindungen ihr zu, wenn wir mit dem Geschick ringen, ihr, in der uns das tröstende Lächeln erwartet.«

»Ich habe die Wahrheit Ihrer Worte empfunden,« entgegnete der Graf mit einem leisen Seufzer und fuhr alsdann fort: »Doch von mir soll und darf in diesem Fall keine Rede sein; denn was ist mein Leid demjenigen Sidoniens gegenüber! Alle meine Hoffnungen sind zerstört, denn ich gestehe Ihnen offen, meine theure Freundin, ich glaubte an den guten Einfluß der Vermählung, ich hielt mich überzeugt, daß der Prinz durch die Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin zu der Erkenntniß gelangen würde, welch ein seltenes Glück ihm durch sie zu Theil geworden, und er in Folge derselben sein Leben ändern und sich bemühen würde, Sidonien würdig zu werden und sie zu beglücken. Wie sehr sehe ich mich nach Allem, was ich vernommen, getäuscht! — Ich begreife die menschliche Natur nicht mehr, wenn es möglich ist, daß so seltene Vorzüge, in der edelsten und zartesten Weise zur Geltung gebracht, auf den Prinzen keine anderen Wirkungen zu erzeugen vermögen. Ich mag diesen Gedanken nicht ausdenken, denn er empört meine Seele, empört sie um so mehr, da ich erfahre, daß der Prinz rücksichtslos seinen übeln Neigungen nachgeht, ohne der seiner Gemahlin schuldenden Achtung zu gedenken. — Ich erkenne mit Schrecken, daß nunmehr auf eine Umkehr zum Bessern nicht mehr zu hoffen ist, mit dieser Ueberzeugung steigert sich jedoch auch meine Besorgniß, daß Sidonie ein Opfer dieses unseligen Verhältnisses werden muß.«

»Wenn nicht ganz besondere Umstände eintreten, welche dieses zu ihren Gunsten ändern, wird es so sein,« entgegnete Aurelie in kummervollem Ton.

»Und kann ich nichts, gar nichts zur Besserung ihrer Lage thun? Vielleicht eine Vorstellung bei Sidoniens Bruder, dem Herzog.«

Aurelie schüttelte verneinend das Haupt und bemerkte: »Was vermöchte dieser diesen Personen und Verhältnissen gegenüber! Wenig oder nichts. Man würde seinen Vorstellungen kein Gehör schenken, ja sie wahrscheinlich sogar übel aufnehmen; darum hat die Prinzessin ihn auch nicht in ihr Vertrauen gezogen, obwol sie weiß, daß ihm ihre Lage bekannt ist!«

»So müßte ich denn mit dem schmerzlichen Bewußtsein von hier scheiden, die Freundin in Leid und Kampf zurück zu lassen; o, das ist schwer, sehr schwer zu ertragen!«

»So wird es sein. Doch was können wir thun? Wir vermögen ja nur mit ihr zu leiden.« »Ein geringer Trost ihrem Unglück gegenüber!« bemerkte der Graf seufzend.

Schweigend schauten sie einige Augenblicke, ein Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, vor sich hin; alsdann fragte der Graf:

»Werde ich Sidonie in dem Abendcirkel ohne Zeugen sprechen können?«

»Ich hoffe, es wird sich die Gelegenheit dazu finden; doch darf dies nur mit großer Vorsicht geschehen, da, wie ich Ihnen bereits mitgetheilt habe, Sidonie sehr aufmerksam beobachtet wird, um irgend welche Schwächen an ihr zu entdecken. So etwas wäre den Leuten sehr erwünscht. Sidoniens streng sittliches und abgeschlossenes Leben ist ihnen höchst unbequem, indem sie dadurch genöthigt sind, ihrem Treiben einen Zwang aufzulegen und die Rolle der Guten mit größerer Vorsicht zu spielen. Sie dulden diesen Zwang um so unwilliger in dem Bewußtsein, daß es Sidonie ernst meint und jeden Verstoß gegen die guten Sitten nicht ungestraft hingehen läßt. In der ersten Zeit der Vermählung war das freilich anders; Sidoniens Anspruchslosigkeit und Schüchternheit gewährte ihnen die gewünschte Freiheit und die Leute ließen sich gehen, bis sie später durch deren bestimmtes Verhalten zu der unangenehmen Einsicht gelangten, wie sehr sie sich in der Prinzessin eigentlichem Charakter getäuscht hatten. Sie mußten sich fügen, thaten dies jedoch mit der geheimen Hoffnung, sehr bald die eigenen Gebrechen an ihrer Fürstin zu entdecken. Sie werden daher erkennen, welche große Vorsicht Sie in dem Umgange mit der Prinzessin zu beobachten haben. Denn Heuchelei und Gleißnerei schleichen überall umher, und ich gestehe Ihnen, ich vertraue auch kaum jenen Personen, die sich Sidonien anscheinend mit der tiefsten Ergebenheit und Theilnahme nahen. Möglich, daß ich darin zu weit gehe; aber ich kann nicht anders. Es ist das leider die Folge des dem Herzen aufgenöthigten Mißtrauens und des Bewußtseins, daß der sittliche Boden, auf welchem wir wandeln, durchaus unterhöhlt ist.« —