»Welche Ironie des Geschicks, der einen Engel in die Welt der Bösen versetzte!« bemerkte der Graf in schmerzlichem Ton.
»Sie werden morgen Gelegenheit finden, diejenigen Personen kennen zu lernen, deren sittliche und geistige Vorzüge Sidonie veranlaßten, sie in ihre Nähe zu ziehen. Es sind im Allgemeinen achtungswerthe Leute, aber nur wenige von ihnen besitzen besondern Werth. Doch Sidonie mußte sich schon glücklich schätzen, diese für sich zu gewinnen. Der ernste und gehaltvolle Ton, den sie in ihren Gesellschaften zu erhalten sich bemüht, widerstrebt dem Zeitgeschmack und so finden sich nicht leicht die von ihr gewünschten und geeigneten Persönlichkeiten. Diese Bemerkungen werden Ihnen hinsichts Ihres eigenen Benehmens den Letzteren gegenüber genügen; Ihr Scharfblick wird das Uebrige thun. Ob Sie Sidonie auch außer in diesen Cirkeln werden sehen und sprechen können, wage ich in diesem Augenblick nicht zu bestimmen; das müssen wir den Verhältnissen anheim geben. Mögen Ihnen die Stunden Ihrer Anwesenheit hier mehr bringen, als wir erwarten dürfen; ich freue mich von Herzen, Sie mit Ihnen zu genießen und zugleich unserer Freundin Auge wieder von dem Schimmer stillen Glücks erhellt zu sehen.«
So sprach Aurelie und knüpfte an ihre Worte noch mancherlei Andeutungen und Winke, wie sie durch die eigenthümlichen Verhältnisse geboten waren und in des Grafen Lage einen besondern Werth für diesen enthielten. Darüber ging die Stunde ihres Alleinseins rasch dahin. Frau von Techow gesellte sich wieder zu ihnen, in deren Gesellschaft der Graf dann noch eine kurze Zeit verweilte und darauf schied, nachdem ihn die Dame des Hauses durch die Versicherung erfreut hatte, daß ihr Aureliens Freund stets willkommen sein würde.
Am nächsten Tage, als die Zeit zum Besuch bei Sidonien nahte, suchte der Graf deren Bruder auf, um in dessen Begleitung sich zu ihr zu begeben und so gleichsam durch ihn bei der Prinzessin eingeführt zu werden. Er hatte das mit dem Prinzen bereits früher verabredet, und dieser sprach den Wunsch aus, sich zeitig zu seiner Schwester zu begeben, damit sie noch vor Ankunft der übrigen Gäste ungestört ein wenig über die vergangene Zeit plaudern könnten.
Sein Wunsch kam des Grafen Verlangen entgegen und bald befanden sie sich bei Sidonien, und es darf kaum bemerkt werden, wie angenehm diese dadurch überrascht wurde. Sidoniens Bruder — Prinz Leonhard — war ein heiterer, gesprächiger junger Mann, der sich über das Hofceremoniell gern fortsetzte, wie er es an dem Hofe seines Vaters gethan, und so bildete er gewissermaßen den Vermittler einer zwanglosen Unterhaltung, welche sich bald zwischen ihnen entspann. Die zurückgelegten Reisen des Grafen hatten des Prinzen Interesse erregt, und so konnte es nicht ausbleiben, daß der Erstere sehr bald durch ihn zu Mittheilungen derselben aufgefordert wurde. Sidonie hatte den Grafen nicht in dem gewöhnlichen Empfangssalon, sondern in einem ihrer Wohngemächer empfangen, woselbst sie ungestört verweilen konnten, während sich die übrigen Gäste in dem ersteren versammelten. Daß Aurelie ihrem Kreise nicht fehlte, darf kaum bemerkt werden.
Der Graf, durch die Nähe der Geliebten beglückt und durch keinen Zwang beengt, fesselte seine Zuhörer rasch an die lebhafte Schilderung seiner Erlebnisse und der besuchten merkwürdigen Orte, und Alle, besonders Sidonie, lauschten derselben mit der höchsten Theilnahme. Für sie hatte ja Alles von dem Grafen Erlebte eine erhöhte Bedeutung; auch vernahm sie zum ersten Mal aus dem Munde des Gereisten selbst die Schilderungen der Wüste, der Pyramiden, des märchenhaften Nilflusses und der das Staunen und die Bewunderung erregenden Denkmäler längst dahin gegangener Pracht und Herrlichkeit mächtiger Herrscher und Völker, die redenden Zeugen der Vergänglichkeit alles Irdischen.
Zugleich wies der Graf einen kleinen Vorrath von allerlei gesammelten alterthümlichen Dingen vor, die er hergesandt hatte und ihnen erklärte, und knüpfte daran ein und das andere auf seinen Reisen Erlebte, das, voll Reiz, die Theilnahme seiner Zuhörer beanspruchte. Rasch eilte die Zeit unter seinen, mit Interesse aufgenommenen Mittheilungen dahin. Damals staunte man die Personen noch an, die dergleichen mit vielen Gefahren und Beschwerden verbundene Reisen ausgeführt hatten; heute ist das freilich anders geworden. Dampfschiffe, Eisenbahnen und die mit ihnen unzertrennliche Civilisation haben die einst so gefahrvollen und beschwerlichen Wege längst geebnet und sicher gemacht, und das poesievolle Geheimniß der Nilquellen ist von kühnen und nimmer müden Forschern nunmehr enthüllt worden.
Zu früh für die Wünsche Aller traf die Meldung ein, daß sich die Gäste bereits in dem Salon versammelt hätten, und endete des Grafen Mittheilung.
Auf Sidoniens Bitte versprach dieser, auch ihre Gäste in ähnlicher Weise nach seinem Belieben zu unterhalten und ihnen den Anblick der merkwürdigen Gegenstände zu gönnen, da sie denselben bereits einen solchen Genuß in Aussicht gestellt hatte.
Der Graf verstand den geheimen Sinn ihrer Bitte nur zu wohl; die Leute sollten in ihm lediglich den interessanten Reisenden sehen und dadurch von Vermuthungen auf persönliche Beziehungen zu ihr abgelenkt werden, die durch des Prinzen Begleitung, in welcher der Graf erschien, leicht erweckt werden konnten. Die Prinzessin zog sich mit Aurelien zurück und der Graf begab sich mit dem Prinzen durch den gewöhnlichen Eingang zu den Gästen, so daß es den Anschein gewann, als ob sie nur eben erst angelangt wären. Römer wurde mit großer Aufmerksamkeit von Seiten der Gäste empfangen, die, wie wir erfahren haben, auf sein Erscheinen bereits vorbereitet waren und sich einen seltenen Genuß von seinen Mittheilungen versprachen.