Dies fand auch in Bezug auf die übrigen Personen statt, namentlich jedoch hinsichts Sidoniens.

Als sie sich zurückgezogen hatte und mit Aurelien allein befand, umarmte sie diese in überwallendem Gefühl, indem sie bemerkte:

»O, Aurelie, welch ein schöner Abend! O, daß ihm tausend und aber tausend solche folgen möchten!«

Nach kurzer Pause fuhr sie dann fort:

»O, daß mein Glück durch den schrecklichen Gedanken getrübt werden muß, wie bald diese Zeit dahin, wie bald er mir wieder fern sein und mich wieder die ganze Oede meines kummervollen Daseins umgeben wird! O, ich mag nicht daran denken! Mein Herz zuckt schmerzvoll zusammen und ich fühle mich entmuthigt bis zum Tode!«

»Wie könnte das anders sein, und ich meine, theure Sidonie, es ist gut, daß Du Dich der raschen Vergänglichkeit Deines Glücks bewußt bleibst, um auf den Verlust desselben vorbereitet zu sein. Zwar fühle ich mit Dir, wie schmerzlich diese Nothwendigkeit ist; aber immer und immer mahnen mich die Verhältnisse, ihrer eingedenk zu sein, damit Du Dich nicht in Deinem Kummer verlierst und sich derselbe nicht noch mehr erhöht!« — entgegnete Aurelie voll der herzlichsten Theilnahme.

»O, Du hast Recht, ganz Recht! Wie könnte es auch anders sein; Deine Liebe sorgt und wacht ja unablässig über mich!« — fiel Sidonie ein und umarmte die ihr so theure Freundin.

»Wenn uns auch der Graf verläßt, wir bleiben darum nicht ohne Trost. Die Gewißheit seiner Nähe, die Hoffnung auf seine Wiederkehr enthalten ja so viel Beruhigendes und Erfreuliches, daß Du seine längere Abwesenheit leichter überwinden wirst.«

»Ich werde es, weil ich es muß. Ach, das Herz hat seine eigenen Forderungen, meine Gute, und eben weil ich mich nach so langer Zeit wieder glücklich fühle, vermag ich den Gedanken an den Verlust des theuern Freundes noch nicht zu fassen. Aber Du hast Recht; ich muß ruhiger werden und mein Glück mit Mäßigung und Beherrschung genießen, und ich werde darauf bedacht sein. Lass’ uns noch einmal seine Geschenke betrachten, die er mir aus weiter Ferne gebracht und die mir sagen, wie er meiner immer und immer gedacht hat, in der Wüste wie an den Stätten der Kunst und der blühenden Natur.«

Und Arm in Arm nahten sie dem Tisch, auf welchem dieselben lagen, und ergötzten sich an ihrem Anblick, bewunderten deren Eigenthümlichkeiten und gedachten dabei des Grafen oft und oft, bis die späte Stunde sie zum Scheiden nöthigte. Diesem angenehmen Abend folgten noch ähnliche. Bald war die von dem Grafen festgesetzte Zeit zu seinem Aufenthalt verflossen, und dennoch vermochte er Sidonien nicht Lebewohl zu sagen. Bei jedem Scheiden von ihr las er ja in ihrem Auge die Bitte, noch zu verweilen und ihr süßes Glück nicht zu stören. Und wie gern erfüllte er ihre Wünsche, von dem eigenen Verlangen und Glück, das ihm ihr Umgang gewährte, dazu genöthigt. Statt nur auf zwei Wochen dehnte er seinen Besuch auf einen Monat aus, dann aber, durch seine persönlichen Verhältnisse bestimmt, reiste er ab. Er schied jedoch mit dem Versprechen, bald zurück zu kehren und alsdann eine längere Zeit zu verweilen.