Während seiner Anwesenheit hatte er Sidonie nicht nur in den Abendcirkeln gesehen, sondern er fand auch außerdem Gelegenheit dazu, indem ihn der Ersteren Bruder bisweilen zu einem Besuch der Prinzessin aufforderte.

Sidoniens abgeschlossenes Leben, das, unbeachtet von ihrem Gemahl, ihr die Freiheit gewährte, sich nach Belieben zu bewegen, nahm dem Grafen allmälig die Bedenken, welche er wegen seiner öfteren Besuche bei Sidonien gehegt hatte. Da er dieselben jedoch nur in des Prinzen Begleitung machte und ihn Sidonie daher nie allein empfing, so däuchte ihm keine Gefahr für sie darin zu liegen, und um so leichter gab er dem Verlangen seines Herzens nach.

Alle die bezeichneten Umstände waren es auch, welche ihm das Versprechen seiner baldigen Wiederkehr abnöthigten. Hierauf übte zugleich die freudige Entdeckung der vortheilhaften Wirkungen seiner Nähe auf Sidoniens Befinden einen wesentlichen Einfluß aus. Sie hatte in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit sichtlich an Frische gewonnen und die bisher von Kummer gebleichte Wange einen feinen Rosenschimmer erhalten, ihr Auge war belebter, und sie schien in dem Genuß ihres Glücks selbst ihr trübes Schicksal zu vergessen. Wie hätte da der Graf von ihr scheiden können, ohne ihr die Hoffnung des Wiedersehens zurück zu lassen! Ueberdies waren die Verhältnisse der Art, daß er die Rückkehr ohne Sorge eines Verrathes wagen durfte. Sidoniens Umgebung betrachtete ihn lediglich als den Freund des Prinzen Leonhard, dem die Prinzessin als solchen und als den interessanten Reisenden eine gewisse Aufmerksamkeit schenkte, was man als etwas Gewöhnliches zu bezeichnen für gut fand und den Besuchen des Grafen daher keine Bedeutung beilegte.

Dies kam der Prinzessin sehr zu statten, ganz besonders jedoch die häufige Abwesenheit des Prinzen, wodurch auch zugleich Mühlfels von etwaigen Beobachtungen abgehalten wurde. Der Baron sah den Grafen nur noch einmal und zwar an dem Abende, an welchem dieser sich von der Prinzessin vor allen Gästen in der förmlichsten Weise verabschiedete.

Er vor Allen hätte ihnen unter anderen Umständen gefährlich werden können, da er das größte Interesse für Sidonie hegte, und so war es ein glücklicher Zufall, daß die Umstände sich also gestalteten.

Wir nennen diesen Zufall einen glücklichen, anscheinend war er ein solcher, und dennoch wäre es für Sidoniens und des Grafen künftiges Geschick besser gewesen, hätte ihnen Mühlfels’ Nähe und Beobachtung nicht gefehlt und diese in ihnen Zweifel an ihrer Sicherheit erregt und sie dadurch zugleich veranlaßt, auf ein baldiges Wiedersehen zu verzichten.

Denn es unterliegt keiner Frage, daß sich Mühlfels’ Interesse für die Prinzessin bei den wiederholten Besuchen in so weit verrathen hätte, daß des Grafen Aufmerksamkeit auf ihn dadurch erweckt worden und er veranlaßt worden wäre, den Charakter des Barons zu prüfen und vielleicht Erkundigungen über denselben einzuziehen.

Da dies nicht geschah, so blieben Sidonie und Aurelie in der früheren Täuschung und somit von deren Gefahren bedroht.

Sechstes Kapitel.

Ungefähr drei Monate waren über die näher bezeichneten Vorgänge dahin gegangen. Der Prinz hatte seinem Treiben trotz der erhaltenen Ermahnungen seines Oheims keine Schranken angelegt und eben so wenig das Geringste gethan, um sich mit seiner Gemahlin auszusöhnen, und so war das wohlgemeinte Wort des Fürsten vergeblich gesprochen worden. Alles, wozu sich der Prinz bequemte, bestand darin, sein Treiben dem Fürsten mehr denn früher zu verheimlichen, was ihm jedoch nur zum Theil gelang, da er seinen Neigungen nur zu leicht und zu oft die Zügel schießen ließ und alsdann jede Vorsicht und Rücksicht vergaß. Die Folge davon war nicht nur die Unzufriedenheit des fürstlichen Oheims mit seinem Neffen, sondern auch jene Uebersättigung des Letzteren, die unter solchen Umständen niemals auszubleiben pflegt. Der Prinz befand sich seitdem in einem stets gereizten und unmuthigen Zustand, der ihn im höchsten Grade peinigte und von welchem seine Umgebung und selbst Mühlfels nicht eben wenig zu leiden hatten.