»Allerdings. Es ist Fräulein von Lieben. Sie machte mir neulich in Begleitung ihrer Mutter einen Besuch, und diese deutete in vertraulicher Weise die große Verehrung an, welche ihre schöne Tochter für den schönen Prinzen hege, und dies reicht hin, Weiteres in Deinem Sinn zu veranlassen. Die Liebens sind, wie Du weißt, ziemlich ohne Mittel, ihr Vermögen ist derangirt; eine Liaison mit dem Prinzen würde ihr daher sehr gelegen kommen, auf welche sie es vielleicht auch abgesehen hat.«
»Die Lieben ist also hübsch und in die Künste der Koketterie eingeweiht?«
»Vollkommen. Sie hat den vorigen Winter in Paris zugebracht und scheint diese Zeit dazu vortrefflich benutzt zu haben.«
»Dann könnte es ihr vielleicht gelingen, den Prinzen zu fesseln und ihn von seiner Apathie zu befreien. Das käme mir sehr gelegen, denn ich fürchte fast, der Prinz könnte, verharrte er darin, sich dadurch und durch des Fürsten Ermahnungen am Ende veranlaßt sehen, sich mit der Prinzessin auszusöhnen, und Sie wissen, das würde meine Pläne zerstören.«
»Das fürchte ich nicht. Der Prinz hat eine viel zu bestimmte Abneigung gegen die Prinzessin, als daß jemals eine Aussöhnung stattfinden dürfte, ganz abgesehen, daß die Letztere sich niemals dazu bequemen wird. Ich habe mich bemüht, Sidoniens Charakter zu erforschen, und bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß sie sich immerdar treu bleiben und darum auch niemals eine Annäherung zwischen dem Paar stattfinden wird.«
»Das ist mir allerdings angenehm zu hören; indessen genügt es mir nicht. Sie wissen, ich wünsche Sidoniens Gunst zu erlangen; meine oder vielmehr unsere Bemühungen sind bisher jedoch nur von geringem Erfolg gekrönt worden, und das ist mir unerträglich.«
»Ist es nicht allein Deine Schuld? Du bist zu viel abwesend und vermagst daher Deine Absicht nicht in der entsprechenden Weise zu verfolgen. In solchen Dingen kommt es jedoch darauf an, stets in der Nähe zu sein, um den rechten Augenblick wahrzunehmen. Doch ich darf Dich daran nicht erinnern; Du weißt das eben so gut. Ich sage Dir nur so viel, daß nach meinen Beobachtungen die Prinzessin zärtlichen Gefühlen zugänglich ist. Sie besitzt ein zu gefühlvolles Herz, um nicht der Liebe zu bedürfen, und ich glaube, ich würde bereits Beweise dafür erhalten haben, wäre Graf Römer länger hier gewesen.«
»Was sagst Du?!« rief der Baron überrascht. »Graf Römer?! Sollte dieser ernste, kalte Mann einen tieferen Eindruck auf sie erzeugen können, oder etwa schon erzeugt haben?«
»Nun, nun, beruhige Dich! So weit, glaube ich, ist es wol nicht gekommen, obgleich ich überzeugt bin, daß das nicht gerade unmöglich wäre. Erscheint es Dir nicht ganz natürlich, daß die Prinzessin bei ihrem abgeschlossenen Leben alle jene Personen gern sieht, die ihr in so interessanter Weise die Stunden zu verkürzen vermögen? Das Wohlgefallen an dem Wort geht bei den Frauen nur zu leicht auf die Person über, die es ausspricht, und Du erkennst darin, daß ich mit meiner Vorstellung, Dich nicht häufig genug der Prinzessin zu nähern, durchaus Recht habe. Wenn man sich alle acht oder vierzehn Tage nur einmal und auch nur in Anwesenheit Anderer sieht, kann von einer zärtlichen Annäherung nicht die Rede sein. Die Gelegenheit dazu ließe sich unter den obwaltenden Verhältnissen leicht herbeiführen, da ich dazu die Hand bieten kann. Bedenke das Alles!«
»Ich gebe Ihnen durchaus Recht, meine Mutter, und bitte Sie, mit mir gemeinschaftlich die Mittel zu erwägen, welche geeignet sind, des Prinzen Wünsche zu befriedigen und ihn zugleich mehr an seinen Wohnsitz zu fesseln, damit ich nach Ihrem Rath handeln kann.«