Die Baronin strengte alle Kräfte an, scheute weder Mittel noch Mühe, um das Souper so angenehm als möglich zu machen. Seinem Versprechen gemäß, erschien der Prinz etwa um die neunte Abendstunde; aber obgleich die musikalischen Leistungen auch ausgezeichnet genannt werden mußten, das Souper auserlesen war, so schienen dieselben dem Prinzen doch keinen besondern Geschmack abzugewinnen. Dies war auch in Bezug auf das Fräulein von Lieben der Fall, so viel sie sich auch bemühte, ihre Reize geltend zu machen.
Zwar unterhielt sich der Prinz mit den Damen eine kurze Zeit; sein früher Aufbruch verrieth jedoch das geringe Interesse, das er für diese Schönheit hegte.
So war es in der That. Denn als der Baron an dem nächsten Tage den Prinzen besuchte und die Rede auf das Fräulein leitete, bemerkte der Prinz: »Die Lieben ist ein hübsches Mädchen; aber nicht nach meinem Geschmack! Ich habe alle diese Koketten und Salondamen herzlich satt, bei denen es doch nur auf Eroberungen abgesehen ist. Ueber alle Kunst und Künstelei im Benehmen und Toilette kommt man bei ihnen zu keiner Natur. All’ dieser Flitter, Schönpflästerchen und Schminke, womit sie sich nach ihrer Meinung verschönen, ekelt mich an. Etwas Anderes wäre es mit einer einfachen, frischen Natur, in der noch die ursprüngliche Kraft und Schönheit zu finden ist; das könnte mich reizen und mir Interesse abgewinnen. Davon ist hier aber nicht die Rede. Wie die Hohen so die Niederen! Alle sind sich gleich und alle langweilig!«
»Sie haben Recht, Hoheit, und es ergeht mir wie Ihnen. Aber was bleibt uns unter solchen Umständen übrig, wollen wir uns nicht in das Unvermeidliche fügen? Zum Entbehren werden Sie sich nicht bequemen wollen, dazu sind Sie nicht geschaffen und Ihre Natur eignet sich nicht zum Trappisten; so werden Sie zugreifen müssen.«
»Pah, pah! Zugreifen müssen!« spöttelte der Prinz und fügte hinzu: »Sie sprechen, als ob wir nicht in der Welt lebten und lediglich auf diesen langweiligen Ort angewiesen wären! Wollten wir uns nur ein wenig umschauen, so würden wir manchen Genuß entdecken.«
»Und dennoch bezweifle ich das, nachdem ich erfahren, daß eine so seltene Schönheit, wie die Lieben, keinen Eindruck mehr auf Sie macht.«
»Sie wissen, weshalb, Mühlfels, und damit Basta!« fiel der Prinz mit bestimmtem Ton ein, und der Baron kannte den Letzteren zu gut, um noch länger das Interesse der bezeichneten Dame zu vertreten. Ueberdies sprach der Prinz den Wunsch aus, eine Spazierfahrt zu machen, und schnitt damit alle weiteren Unterhaltungen über diese Angelegenheit ab.
Nach kurzer Zeit führte sie der Wagen aus der Stadt und der reizenden, mit bewaldeten Höhen, stillen Seen und lieblichen Fernsichten ausgestatteten Umgegend zu.
Auch heute war es ein heiterer Tag, der wie früher günstig auf den Prinzen wirkte und seine Stimmung besserte. Nach einer kurzen Fahrt erreichten sie eine an dem Wege gelegene sehr hübsche Villa, die ein zierlich gehaltener Garten umschloß. Vor derselben breitete sich der See aus, der in weiter Ferne die in Duft verschwimmenden Ufer bespülte und dem Auge die mannichfachsten Aussichten gewährte und dadurch dem Landhause einen ganz besondern Reiz verlieh. Man konnte sich zu einem süßen Stillleben keinen geeigneteren Ort als diesen wünschen.
Des Prinzen Aufmerksamkeit wurde darauf hingelenkt, und es erwachte der Wunsch in ihm, sich das Haus und die Gartenanlagen näher zu betrachten. Er ließ den Wagen halten, stieg aus, schritt bis an das Gitter und schaute hinein.