»Das ist ja eine ganz unerhörte Nachricht und unter den obwaltenden Umständen für uns von der höchsten Bedeutung, da wir allein die Wege kennen, auf welchen der Prinz in der bequemsten Weise in den Besitz dieses Mädchens gelangen kann. Und wie gut, daß dies Alles geschehen ist, bevor das Mädchen noch ihren Dienst bei mir angetreten hat; wäre dies erfolgt, würde die Sache mißlich und von geringem Werth sein. So aber läßt sich die unbekannte Waldschöne leichter einführen, da der Reiz ihrer Persönlichkeit unter einem dienenden Verhältniß noch nicht gelitten hat und der Prinz sie also ganz nach seinem Wunsch aus der Hand der Natur empfängt. Nur in solcher Weise kann diese Liaison bei des Prinzen Schwärmerei von Bedeutung werden, falls sich das Mädchen bewährt. Ich bin überzeugt, sie wird es. Doch müssen wir diese Angelegenheit mit großer Vorsicht und Klugheit behandeln.«
»Das ist auch meine Ansicht. Vor allen Dingen darf der Prinz nicht erfahren, daß wir das Mädchen bereits kennen, vielmehr muß er durch eine entsprechende Verzögerung dieser Angelegenheit zu dem Glauben gelangen, welche große Mühe ich auf die Entdeckung desselben verwendet habe. Das sichert uns doppelte Vortheile; einmal einen größeren Dank und dann, was wichtiger ist, ein erhöhtes Interesse des Prinzen für das Mädchen selbst, das ihm durch den verzögerten Besitz und die vielfache Mühe um so begehrenswerther erscheinen wird.«
»Gewiß, mein kluger Sohn, in solcher Weise werden wir handeln müssen. Auch meine ich, Du suchst den Prinzen, naht der geeignete Zeitpunkt, ihn das Mädchen sehen zu lassen, zu bestimmen, einen Ausflug nach dem Jagdschloß zu machen, vielleicht um ein wenig zu jagen. Denn ich meine, die Ueberraschung müßte doppelt gute Wirkungen haben. Doch müssen wir sowol Mariane als auch deren Vater in die Angelegenheit einweihen, damit der Prinz unsere Bekanntschaft mit den Leuten nicht erfährt. Zu diesem Zweck wollen wir uns in einigen Tagen nach Schloß Waldburg begeben, um den Castellan anzuweisen, seine Tochter nicht etwa früher in die Stadt zu führen, bevor der Prinz seinen Besuch gemacht hat. Denn ein Zusammentreffen hier würde leicht den Eindruck schwächen, den der Prinz von der Erscheinung des Mädchens erhält, wogegen die Naturumgebung dieselbe vielfach erhöhen muß.«
»Wird Robert auf unsere Vorschläge eingehen?« fragte Mühlfels.
»Du zweifelst doch nicht etwa daran?« fragte die Baronin lachend. »Du hast wahrscheinlich vergessen, daß er mit dergleichen Angelegenheiten genügend vertraut ist, der hohen Ehre nicht zu gedenken, die ihm durch des Prinzen Wunsch zu Theil wird und um welche ihn und seine Tochter die angesehensten Familien beneiden werden, falls es dem Mädchen wirklich gelingt, den Prinzen nicht nur vorübergehend an sich zu fesseln. Ich gedenke ihr bei unserm Besuch die nöthigen Rathschläge zu ertheilen, will mich daher näher mit ihrem Wesen bekannt machen, um zu erfahren, was wir von ihr zu erwarten haben.«
»So zweifle ich nicht an dem besten Gelingen unserer Bemühungen.«
»Das dürfen wir. Das Mädchen verspricht zu viel, als daß es unsere Erwartungen täuschen sollte,« fiel die Baronin ein, und noch lange erwogen Mutter und Sohn diese für sie so hochwichtige Angelegenheit.
Um ihren Besuch des Schlosses nicht zu verrathen, wollten sie sich zu ihren in der Nähe desselben wohnenden Bekannten begeben und bei dieser Gelegenheit ihre Absicht ausführen.
Der Prinz, wie immer in hohem Grade ungeduldig, wenn ihn ein ähnliches Interesse beschäftigte, bequemte sich gern, den Baron zu entbehren, der fortan allerlei Ausflüge machte, nachdem er dem Prinzen gesagt, daß ihm der Diener des Landhauses die gewünschte Auskunft nicht hätte geben können.
In solcher Weise täuschte Mühlfels den Prinzen, dessen Theilnahme und Erwartung er durch ein schlau berechnetes Verhalten immer mehr zu steigern wußte, bis endlich der Zeitpunkt herannahte, in welchem er mit seiner Mutter den Ausflug gemacht hatte, der, von dem besten Erfolg gekrönt, ihm zugleich gestattete, dem Prinzen die beabsichtigte Ueberraschung zu bereiten.