Der Castellan und Mariane wurden durch den Besuch der Baronin und ihres Sohnes nicht wenig überrascht, noch mehr jedoch, als die Baronin dem Ersteren vertrauliche Andeutungen über das seiner Tochter in Aussicht gestellte Glück machte, natürlich ohne den Prinzen zu verrathen. Die Baronin war viel zu klug und vorsichtig, um dem Castellan die volle Wahrheit zu sagen; aber auch schon das Vernommene war hinreichend, den Mann über die Maßen zu erfreuen.

In ähnlicher Weise verfuhr die Baronin mit Marianen und sah sich in ihren Erwartungen auch bei dieser nicht getäuscht. Der Gedanke, daß sie sich des Lebens nicht in einer dienenden, sondern viel angenehmeren und glänzenderen Stellung erfreuen sollte, hatte zu viel Verlockendes für sie, um irgend welchen sittlichen Bedenken Raum zu geben, und wir erkennen daraus, wie tief die sittliche Zerfahrenheit in der damaligen Zeit in alle Gesellschaftsschichten eingedrungen war, da sie selbst in dieser Waldeinsamkeit nicht fehlte.

Erfreute die Baronin schon dieses Entgegenkommen von Vater und Tochter, so wurde sie noch angenehmer durch die Resultate überrascht, welche sie sich durch eine eingehende Prüfung Marianens verschaffte.

Das Mädchen besaß einen geweckten Geist, zeigte viel natürlichen Verstand, war in vielerlei Dingen geschickt und wußte das Alles in einer unbefangenen Weise geltend zu machen. Diese Vorzüge wurden noch durch ein angenehmes, oft keckes Wesen und Benehmen erhöht, in welchem ein eigener Reiz lag, indem er den Stempel lieblicher Natürlichkeit trug. Was jenes Bild in der Villa betraf, so hatte Mariane wirklich der Malerin als Vorbild gedient.

Die Baronin war nach einem mehrstündigen Aufenthalt in Waldburg so sehr von Marianen eingenommen, daß sie mit der Ueberzeugung schied, ihre Hoffnungen und Erwartungen dereinst in der vollkommensten Weise erfüllt zu sehen.

Einen ähnlichen Eindruck hatte auch ihr Sohn erhalten.

Nach der Rückkehr bestürmte der Prinz den Baron mit Fragen, ob seine Bemühungen nicht endlich durch den erwünschten Erfolg belohnt worden wären; Mühlfels wich einer bestimmten Antwort aus, indem er die Hoffnung aussprach, daß dies wol in nächster Zeit geschehen dürfte und sich der Prinz daher ein wenig gedulden sollte. Zugleich schilderte er seinen Ausflug als höchst angenehm und that dem Prinzen den Vorschlag, sich zur Jagd nach Waldburg zu begeben.

Der Prinz zeigte nicht besondere Lust dazu; Mühlfels jedoch wiederholte seine Bitte; das schöne Wetter war überdies zu einem Jagdvergnügen sehr geeignet, so daß der Prinz endlich nachgab, besonders nachdem Mühlfels angedeutet, daß man bei dieser Gelegenheit ja auch zugleich nach dem Mädchen forschen könnte.

Siebentes Kapitel.

Während der Prinz und dessen getreue Freunde bedacht waren, Sidonien einen neuen Schmerz zu bereiten, sah diese mit angenehmen Gefühlen der nahenden Zeit entgegen, die ihr den geliebten Freund wieder zuführen sollte.