Graf Römer hatte nämlich Aurelien mitgetheilt, daß er mit dem Beginn des Spätherbstes bei ihr einzutreffen und alsdann den Winter daselbst zu verleben hoffe. Von dieser angenehmen Gewißheit angeregt, welche ihr einen genußvollen Winter sicherte, der ihr unter anderen Verhältnissen wie gewöhnlich einförmig und traurig dahin geschlichen wäre, entwarf Sidonie mit der Freundin allerlei Pläne für diese Zeit, um auch dem Freunde angenehme Stunden zu bereiten.
Das neue Glück hatte ihrem Geist neue Spannkraft verliehen und mit dieser ihr zugleich neue Interessen zugeführt, die in dem bisherigen traurigen Dasein allmälig erstorben waren. Es war jetzt wirklich so, wie sie früher versichert, daß sie sich mit des Grafen Wiederkehr wieder frei und in dieser Freiheit und ihrer Liebe ihr Leid weniger fühlte, ja dasselbe sogar für Zeiten vergessen konnte und auch wollte. Während der Berathung gedachte sie des Beifalls, den ihr Harfenspiel früher bei dem Grafen gefunden, und sie nahm sich vor, demselben wieder mit vermehrtem Eifer obzuliegen, um den Freund dadurch wie einst zu erfreuen. Ebenso wollte sie einige berühmte Virtuosen für die Abendcirkel gewinnen, deren Ankunft man während des Winters erwartete.
In solcher Weise beriethen und sorgten die Freundinnen für die Zukunft, und die Hoffnung, den Grafen auch außer in den Gesellschaften noch in den Concerten und Theatervorstellungen bei dem Fürsten, deren es wöchentlich gewöhnlich mehre gab, zu sehen, verhieß ihnen die angenehmste Zukunft. Sidonie fühlte sich durch die näher bezeichneten Aussichten um so beglückter, da der Prinz auch trotz seiner längeren Anwesenheit sie durchaus unbeachtet ließ und auch der Fürst jede Lust verloren zu haben schien, sich irgend wie um ihre Aussöhnung zu bemühen.
Das letztere war durch einen besondern Umstand herbeigeführt worden. Der Prinz hatte nämlich seinem Oheim, als dieser sich erkundigte, wie er jetzt mit der Prinzessin stehe, erwidert, daß in ihrem gegenseitigen Verhältniß keine Aenderung eingetreten wäre, indem er zugleich als Grund dafür die ihm von Sidonien gezeigte verletzende Kälte angab, die ihn von einer Annäherung zurückgeschreckt hätte. Der Fürst schenkte seinen Worten vollen Glauben, wozu er sich durch Sidoniens bisheriges Verhalten berechtigt hielt, und die Folge davon war ein sich steigernder Unwille gegen sie. Er gab es auf, sich noch länger stets fruchtlos zu bemühen. Das war dem Prinzen sehr erwünscht, denn er hoffte, sich nun endlich in dieser Angelegenheit Ruhe verschafft zu haben, und konnte überdies seinem näher bezeichneten Interesse um so ungestörter nachgehen.
So nahte der zum Jagdausflug bestimmte Tag, den das freundlichste Wetter begünstigte. Da das Schloß mehre Meilen entfernt war, sich die Wege dahin nicht im besten Zustande befanden, so brach der Prinz ziemlich früh auf, um zu guter Zeit daselbst anlangen zu können. Auf Mühlfels’ Vorschlag waren nur wenige Personen, darunter Henry, zu des Prinzen Begleitung bestimmt worden, ebenso hatte der Erstere diesen zu veranlassen gewußt, keinen seiner Freunde dazu einzuladen, worauf der Prinz, wie überhaupt auf diesen Ausflug, in der Voraussicht gern einging, den Aufenthalt des Mädchens und dieses selbst zu entdecken. Mühlfels verband mit dem Fernhalten der bezeichneten Personen die geheime Absicht, die Wirkung des Zusammentreffens zwischen dem Prinzen und Marianen durch die leichtfertigen und zudringlichen Freunde nicht abgeschwächt zu sehen und dadurch vielleicht gar den gewünschten Erfolg einzubüßen. Bei der besondern und reizbaren Stimmung des Prinzen mußte Alles vermieden werden, was den romantischen Charakter dieser Angelegenheit irgend beeinträchtigen konnte. Mühlfels kannte seinen Prinzen zu gut, um nicht auf alle Vorkommnisse vorbereitet zu sein, und wir werden später erfahren, mit welcher Sorgfalt er seine Maßregeln getroffen hatte, um sich den Erfolg zu sichern.
Diese neue Passion des Prinzen däuchte ihm nämlich aus dem idyllischen Liebesleben, dem sich einst Ludwig der Vierzehnte hingegeben und in dem er sich so glücklich gefühlt hatte, hervorgegangen zu sein, das der Prinz nun nachahmen wollte. Einfache Natürlichkeit, unbefangene Hingabe, mit dem Reiz des Geheimnisses und der Romantik verwoben, das war es, was er suchte und worin er Genuß zu finden hoffte.
Mühlfels täuschte sich in dieser Voraussetzung wirklich nicht; es war in der That so, was um so weniger befremden darf, da wir des Prinzen Vorliebe für starke Gegensätze kennen gelernt haben.
Das Schloß lag auf einer sanften Anhöhe, von einem alten, prächtigen Laubwalde umgeben, der das seit vielen Jahren darin gehegte Wild beherbergte. Dasselbe war von des Fürsten Vorfahren erbaut worden und hatte denselben dereinst als vorübergehender Sommeraufenthalt gedient. In der Folgezeit fand dies jedoch nicht mehr statt und das Schloß wurde von den Fürsten nur noch bei Gelegenheit der in jenen Waldungen abzuhaltenden Jagden für einige Tage besucht. Seitdem jedoch der Fürst zur Regierung gekommen war, hörten auch diese Besuche auf, da weder er noch der Prinz Geschmack an der Jagd fanden, und so geschah es, daß das Schloß allmälig dem Verfall entgegen ging, da nichts zu dessen Erhaltung geschehen war. Dieser Umstand erhöhte den einsamen, romantischen Charakter dieses Ortes wesentlich, obgleich demselben mancherlei von der Natur gebotene Schönheiten nicht mangelten. Dem durch das geräuschvolle Treiben der Städte abgespannten Ohr that die hier herrschende Ruhe wohl, und das durch Glanz und Pracht übersättigte Auge fand in den anspruchslosen Reizen der Natur, denen der nahende Herbst seinen malerischen Charakter verlieh, einen neuen, wohlthuenden Genuß. Statt der rauschenden Musik der Oper und Concerte schmeichelte sich der von den Luftwellen herüber getragene ferne Glockenton in das Ohr, gewann hier der vereinzelte Vogelgesang und das Schwirren der Insekten eine angenehme Bedeutung, denen man gern und mit Behagen lauschte.
Wir sehen, daß diesem Ort keine jener Eigenschaften mangelte, wie sie des Prinzen Stimmung verlangte; denn ein größerer Gegensatz zu seinem Wohnort konnte kaum gefunden werden.
Je mehr sie sich dem Schloß näherten, um so häufiger führte der Weg durch dichte Waldungen und einsame, nur wenig belebte Gegenden, bis sie, ungefähr eine Meile von dem Ziel ihrer Reise, der fürstliche Wald aufnahm, dessen Kühle und Schatten sie fortan begleitete. Sie genossen diese Annehmlichkeiten in dem vollsten Maß, da der nicht besonders gute Weg die Fahrt bedeutend verlangsamte. Trotzdem zeigte der Prinz keine Ungeduld, sondern schien sich ganz behaglich zu fühlen, was auch in der That der Fall war. Die erquickliche Luft, die Düfte des Waldes und die landschaftlichen Umgebungen hatten, wie das bei Naturen seiner Art zu sein pflegt, auf Körper und Seele ihre wohlthätigen Wirkungen ausgeübt.