Schon sank die Sonne, als sie den Wald verließen und dem von der Abendgluth beleuchteten alterthümlichen Gebäude nahten, das sich mit seinen abgebröckelten Mauern und verschnörkelten Zinnen, seinen verwitterten Eckthürmchen und glitzernden Fenstern von dem tiefdunkeln Walde malerisch abhob. Allerlei verwachsene Gartenanlagen, geschwärzte und mehr oder weniger zerstörte Statuen, Urnen und ähnliche von Gestrüpp umwucherte Zierrathen vor dem Schloß verriethen die demselben einst geschenkte Sorgfalt, von welcher jetzt freilich keine Spur mehr vorhanden war. Denn überall machte sich die Wildniß geltend.

»Das sieht ja wie ein verzaubertes Schloß aus, in dem man allerlei Spuck und Hexerei erwarten muß,« bemerkte der Prinz, von dem eigenthümlichen Bilde angezogen, das auf ihn einen um so größeren Eindruck ausübte, da er das erstere nur in seiner Kindheit besucht hatte und seitdem nicht wieder und daher keine Erinnerung mehr davon besaß. Auch war er damals in einer großen Gesellschaft von Hof-Cavalieren und Edelleuten hierher gekommen, die sein Interesse in Anspruch nahm und ihn daher von der näheren Betrachtung des Schlosses abgezogen hatte.

Das war jetzt anders. Er wurde nur von der Dienerschaft empfangen, befand sich in einer passenden Stimmung mit seiner Umgebung und so geschah es, daß er nach dem Verlassen des Wagens sich das Schloß und die Umgegend genau betrachtete und seinen Beifall darüber gegen Mühlfels zu erkennen gab.

»Ich werde hier eine vortreffliche Nacht haben, wie schon lange nicht, vorausgesetzt, daß mich kein loser Spuck stört,« bemerkte er in heiterer Laune, die ihn auch nicht verließ, als er später die düsteren, hohen und mit einer Menge Jagd-Embleme verzierten Gemächer betrat. Die geöffneten Bogenfenster gewährten dagegen erheiternde Fernsichten auf bewaldete Berge, einen stillen See, der das Abendgold widerspiegelte und an dessen Ufer das Auge eine Anzahl Hirsche unterschied, die daselbst in Sicherheit ihren Durst löschten.

Im Anblick dieser Naturschönheiten wurde das Souper eingenommen, das dem Prinzen nach langer Zeit, wie er gestand, wieder wirklich mundete. Gegen Ende desselben, als sich bereits tiefere Dunkelheit über die Umgegend gebreitet hatte und nur noch ein sanfter Nachschimmer im Abend sichtbar war, erklang plötzlich eine liebliche Hornmusik von dem nahen Walde her. Es waren einfache, ansprechende Melodien, die, über den See fort tönend, das Echo weckten und in dessen Nachhall erstarben.

»Vortrefflich, vortrefflich!« rief der Prinz wiederholt, den Tönen mit Aufmerksamkeit lauschend. »Es war ein kluger Gedanke von Ihnen, Mühlfels, mir diesen Ausflug vorzuschlagen; er thut bessere Wirkungen, als alle Arzneien meines Leibarztes, womit er mich so lange gequält hat. Es gefällt mir hier so gut, daß ich mehre Tage zubringen will, und ich denke, ich werde ganz gesund zurückkehren.«

»Das hoffe auch ich, mein Prinz, und bin glücklich, Sie in einer so befriedigten Stimmung zu sehen,« fiel Mühlfels ein.

»Sie irren, Mühlfels; ich fühle mich zwar ziemlich behaglich, aber nicht befriedigt; Sie kennen den Grund. Bevor ich in den Besitz jenes reizenden Mädchens gelangt bin, kann davon nicht die Rede sein. Es ist wirklich fatal, daß Ihre Nachforschungen bisher fruchtlos gewesen sind. Doch Sie haben mir das Versprechen gegeben, mein Verlangen zu befriedigen, und ich vertraue Ihrem Wort.«

»Sie können das, mein Prinz, und ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher Sie sich des Genusses dieses Mädchens werden erfreuen können,« entgegnete der Baron, und war eben im Begriff fortzufahren, als eine silberklare weibliche Stimme ertönte, die ein heiteres Jagdlied sang.

»Hören Sie doch, mein Prinz, diese liebliche Stimme!« rief Mühlfels aufhorchend.