Was der Prinz zu ihr gesprochen, war ihr nicht erinnerlich, denn sie hatte seine Worte kaum vernommen, noch weniger deren Sinn begriffen. Denn trotz ihres hellen Verstandes war sie doch noch viel zu unerfahren, um sich des Prinzen Wohlgefallen richtig zu deuten. Sie war wirklich nichts als ein reizendes Naturkind, wenngleich ihr mancherlei Schwächen anhafteten. Wir haben dieselben bereits früher näher bezeichnet.
Sie war daher überglücklich, als ihr Vater, nachdem der Prinz das Mahl beendet hatte, sie beauftragte, die von ihr für die Hoheit gesammelten Walderdbeeren demselben zu bringen.
Sie hatte die Früchte auf Weinblätter gelegt und so in der einfachsten, jedoch zierlichsten Weise geordnet.
Wir übergehen die weiteren Vorgänge während des Prinzen Anwesenheit auf dem Schloß.
Der Letztere dehnte seinen Aufenthalt daselbst bis auf drei Tage aus, in welchen sich seine Zuneigung für Mariane nur noch steigerte, indem diese, nachdem sie die Scheu vor der Hoheit allmälig überwunden hatte, ihn durch ihren natürlichen Liebreiz und die Unbefangenheit und Besonderheit ihres Wesens noch mehr an sich fesselte und seine Ungeduld nach ihrem baldigen Besitz erhöhte.
Der Castellan war durch den Baron mit des Prinzen Wünschen bekannt gemacht worden und es darf im Hinblick auf die eigenthümlichen Verhältnisse wol kaum noch bemerkt werden, wie sehr beglückt er und seine Familie sich durch des Prinzen ihnen und ihrem Kinde erwiesene Gnade fühlten.
Nicht anders war es mit Marianen, die, ohne durch irgend welche sittlichen Bedenken beunruhigt zu werden, lediglich in dem Glück schwelgte, nicht eine Dienerin zu werden, sondern in einem schönen Hause als Herrin zu wohnen und sich bedienen zu lassen, vor Allem jedoch von dem Gedanken geschmeichelt, dem schönen Prinzen, dem ihr Herz sogleich entgegen geflogen war, so sehr gefallen zu haben und nun oft von ihm besucht zu werden. Seit dem Tage, als sie der Prinz selbst mit seinem Wunsch bekannt gemacht hatte, schwellte Glückseligkeit ihre Brust und sie bekümmerte sich wenig über die Abreise desselben. Es verstand sich von selbst, daß das strengste Geheimniß über Alles beobachtet werden mußte, damit nicht etwa durch den Fürsten eine Störung erfolgte.
Bei der Rückkehr beeilte sich Mühlfels, des Prinzen Befehl wegen des Ankaufs der Villa sofort auszuführen. Als dieser nach kurzer Zeit erfolgte, wurde das Landhaus in der prächtigsten Weise eingerichtet, während eine Vertraute des Prinzen, Madame Voisin, die Sorge für Marianens Ausstattung übernahm. Der Prinz ließ darauf ganz außerordentliche Summen verwenden, welche ihm seine Geldfreunde vorschießen mußten, da seine Mittel dazu nicht ausreichten.
Nachdem alle diese Geschäfte erledigt waren, wurde Mariane durch Madame Voisin aus ihrer Heimath abgeholt und langte mit dieser in einem schönen Reisewagen, den ihr der Prinz geschickt hatte, eines Abends in der Villa an. Mariane war gleich einer Dame gekleidet und führte den Namen eines Fräulein von Waldstein, wie es der Prinz gewünscht hatte, um ihre niedere Herkunft zu verbergen. In ihrem Namen war auch die Villa gekauft und für sie verschönert worden. Der Prinz empfing sie, und es gewährte ihm kein kleines Vergnügen, das erstaunte und befangene Mädchen als die Besitzerin des prächtigen Landhauses durch die Gemächer zu führen. Madame Voisin wurde Marianen von dem Prinzen als ihre künftige Gesellschafterin bezeichnet, doch bemerkte er zugleich, daß nur sie hier die Gebieterin wäre.
Das strengste Geheimniß sollte fortan über Alles beobachtet werden. Die Dienerschaft, nur aus den nothwendigsten Personen bestehend, war durch Madame Voisin verpflichtet worden, gegen Jedermann sowol über Marianens Anwesenheit als des Prinzen Besuche zu schweigen, um in solcher Weise jedem Verrath vorzubeugen.