Diese Voraussetzung verdroß ihn in hohem Grade, mehr jedoch noch die Erkenntniß der ihm gespielten Täuschung, wodurch alle seine so sicheren Hoffnungen zerstört wurden. Denn er glaubte an Sidoniens Schuldlosigkeit nicht zweifeln zu dürfen; ihr festes Benehmen, vor Allem jedoch ihr Entschluß, sich von dem Prinzen zu trennen, dienten ihm als gewichtige Beweise dafür. Zwar hatte er, wie wir wissen, bereits selbst an eine Trennung der Ehe gedacht; des Prinzen Abneigung jedoch, sich wieder zu vermählen, so wie sein Widerwille vor einem solchen Aufsehen erregenden Schritt ließen ihn diesen Gedanken wieder aufgeben. Damit blieb aber auch sein Wunsch unerfüllt und die Erbfolge nicht gesichert, und die stattgefundene Unterredung mit Sidonien ließ ihm keine Hoffnung, mit seinen Arrangements irgend zu reüssiren. Unter solchen Umständen blieb ihm nur noch der letzte Versuch übrig, durch Eingehen auf der Prinzessin gerechte Forderungen wieder ein gutes Verhältniß zwischen ihr und dem Prinzen zu ermöglichen. Ihm war die gute Wirkung seiner Erinnerung der ihr obliegenden Mutterpflichten nicht entgangen, und er schloß daraus, daß Sidonie, sobald der Prinz sich ihr in der entsprechenden Weise näherte, eine Versöhnung mit ihm nicht ablehnen würde.
Von dieser Ueberzeugung erfüllt, gedachte er nach des Prinzen Genesung mit diesem die Angelegenheit eingehend zu besprechen und sein ganzes Ansehen geltend zu machen, um das gewünschte Resultat zu erreichen. Nachdem er in dieser Beziehung seinen Entschluß gefaßt hatte, war er bedacht, sich Gewißheit über die ihm gespielte Täuschung zu verschaffen, und ließ darum sogleich Boisière zu sich rufen, dem er das Erfahrene mittheilte. Dieser war nicht wenig bestürzt, so durchaus Ungeahntes vernehmen zu müssen, und entschuldigte sich mit der Versicherung, lediglich durch Mühlfels’ Mittheilungen zu der Ueberzeugung einer Liaison verleitet worden zu sein.
Der Fürst schüttelte unmuthig das Haupt; doch kannte er den Chevalier zu gut, um nicht zu wissen, daß dieser in einer so wichtigen Angelegenheit nur durch die sichersten Beweise zu dem ihm gemachten Bericht bestimmt werden konnte. So trug also lediglich Mühlfels die Schuld, und er befahl dem Chevalier, ihm denselben sogleich zuzuführen.
Der Baron vernahm mit nicht geringer Bestürzung den Befehl des Fürsten und den Anlaß dazu, und wurde dadurch um so mehr betroffen, da, wie wir erfahren haben, er den Verrath seiner Täuschung einmal für unmöglich gehalten und derselbe überdies jetzt eben so plötzlich als ungeahnt über ihn gekommen war. Derselbe vernichtete zugleich alle seine so angenehmen Hoffnungen und erfüllte ihn mit der Besorgniß, nicht straflos davon zu kommen und obenein den ganzen Schimpf gekränkter Eigenliebe tragen zu müssen.
Trotz alledem verlor er die Fassung nur für wenige Augenblicke; alsdann gewann er dieselbe wieder in so weit, um sich für die Audienz bei dem Fürsten vorzubereiten. Er ließ sich nochmals die dem Chevalier von dem Fürsten gemachten anklagenden Mittheilungen wiederholen, erwog dieselben in allen Einzelnheiten und gelangte dabei zu der Ueberzeugung, sich mit einigem Geschick aus der so gefährlichen Lage ziehen zu können.
Dadurch ermuthigt, erklärte er sich bereit, dem Chevalier zu folgen.
Dieser beschwor ihn, sich und ihn selbst in einer Weise vor dem entrüsteten Fürsten zu entschuldigen, daß dessen Unmuth beschwichtigt wurde und er ihnen Gnade angedeihen ließ. Denn geschah dies nicht, so war seine so ehrenvolle Stellung gefährdet. Mühlfels, dessen Kaltblütigkeit wieder vollkommen zurückgekehrt war, beruhigte ihn mit der Versicherung, daß es ihm voraussichtlich gelingen müßte, den Fürsten von seiner Schuldlosigkeit zu überzeugen, und dadurch in etwas getröstet, führte ihn der Chevalier zu der Audienz.
Er wurde von dem Fürsten mit Strenge und Kälte empfangen.
»Sie haben sich erlaubt,« sprach dieser, »Boisière und durch ihn auch mich in der unverantwortlichsten Weise zu täuschen. Sie kannten die Wichtigkeit eines solchen Handelns, was haben Sie darauf zu sagen?«
Trotz dieser strengen Anrede verlor Mühlfels die Fassung nicht, sondern entgegnete ruhig: