»Es würde nicht anders werden, als es ist, vielleicht ändert sich seine Physiognomie ein wenig; mehr aber auch nicht. Das Naturgesetz würde sich alle Zeit erfüllen, und das ist eben das Leben,« fiel der Fürst ein.

Sidonie schüttelte bedenklich das Haupt. Es widerstrebte ihrer sittlichen Natur, dem Fürsten auf einem Gebiet zu folgen, das ihrer innersten Ueberzeugung nach zu einer trostlosen Oede führen mußte. Auch fühlte sie sich nicht befähigt genug, die ausgesprochenen Ansichten zu widerlegen, und so schwieg sie.

Der Fürst bemerkte das und errieth ihre Gedanken; denn er wandte sich sogleich an sie mit der Bemerkung:

»Ich erkenne, daß unsere Unterredung weiter gegangen ist, als ich beabsichtigte. Dergleichen ist nicht für Frauen; ich hätte das bedenken sollen. Um der Wahrheit dreist in’s Antlitz zu schauen, gehört ein stärkerer Geist, als ihn Frauen besitzen. Sie mögen sich durch eine sichere Erkenntniß nicht ihre Illusionen rauben lassen, selbst wenn sie fühlen, daß diese eben nichts Anderes sind. Das ist einmal ihre Natur, und ich berücksichtige das. Doch würde es mich freuen, sollte unsere Unterredung in dem bekannten Interesse für Sie und mich von Vortheil sein und dies durch die Folgezeit begründet werden.« Er reichte ihr die Hand. »Halten Sie mir Ihr Versprechen und überlegen Sie sich reiflich die bewußte Angelegenheit; ich werde Ihr Interesse nach allen Richtungen wahrnehmen, hoffe dagegen auch, daß Sie meinen Wünschen entgegen kommen werden.« —

Es war Sidonien angenehm, daß der Fürst in solcher Weise die ihr wenig behagliche Unterredung endete, die sie weder zur Aenderung ihrer Ansichten bewegen, noch überhaupt ihren Interessen dienen konnte. Mit einem stillen Bedauern über des Fürsten leeres und kaltes Herz und die geringen wahrhaften Freuden, die er genießen durfte, erhob sie sich und bemerkte:

»Ich danke Ihnen, mein gnädiger Fürst, für die mir geschenkte Theilnahme und bin überzeugt, meine Wünsche werden erfüllt werden. Ich beuge mich gern und anerkennend vor dem forschenden Geist, fühle ich mich auch nicht befähigt, ihm zu folgen; doch wenn ich dies auch thue, halte ich dennoch an der Ueberzeugung fest, daß aller Reichthum des Geistes den Werth des Herzens nicht zu ersetzen vermag. Verzeihung, mein Fürst, wenn ich Ihnen dies nicht verhehle; aber ich würde Ihren Geist zu unterschätzen fürchten, wollte ich die Besorgniß hegen, derselbe ertrüge den Widerspruch nicht. Sie haben mir meinen Standpunkt angewiesen; ob ich denselben durch den Widerspruch überschreite, weiß ich nicht, da ich die ihm von Ihnen bestimmte Grenze nicht kenne; that ich dies jedoch, mein Fürst, so gewann ich dadurch vielleicht den Vortheil, Sie auf einen Irrthum in Ihren Voraussetzungen aufmerksam gemacht zu haben.« —

»Oder sagen Sie richtiger, sich als eine Ausnahme von der Regel zu bezeichnen,« fiel der Fürst ein und fügte in höflichem Ton hinzu: »Ich habe Sie längst als eine solche Ausnahme Ihres Geschlechts betrachtet, und der Beweis dafür ist unsere heutige Unterredung, zu welcher ich mich unter anderen Verhältnissen vielleicht nicht verstanden haben würde.«

»Ich danke Ihnen für dieses Compliment und hoffe, daraus die besten Hoffnungen für meine Wünsche schöpfen zu dürfen.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Prinzessin.

Der Fürst schaute ihr mit einem fast ironischen Blick nach. Trotz seiner Versicherung, in ihr eine Ausnahme ihres Geschlechts zu erkennen, war er dennoch von Sidoniens Unfähigkeit, ihn vollkommen zu verstehen, überzeugt. Sie war ein Weib und darum auch in die engen Grenzen ihrer Natur gebannt, aus welcher sie nicht heraus zu treten vermochte. Darum mußten auch seine Bemühungen fruchtlos bleiben.