»Wer möchte daran zweifeln?! Aber wenn man den Zeitgeist nicht zu ändern vermag, ist es klug, nicht offen gegen ihn zu verstoßen,« bemerkte der Fürst.
»Und warum sollten Diejenigen, denen die Macht dazu gegeben ist, warum sollten die Fürsten sich eine solche Aufgabe nicht stellen wollen? Warum thun sie es nicht, wenn sie die Nothwendigkeit dazu fühlen? Ihr Beispiel, ihr Verhalten, ja ihr Wunsch schon genügt, auf das Volk zu wirken. Dieses schaut stets nach oben, und wenn es schlecht wird, sind es stets die Folgen eines übeln Beispiels, das sie vor Augen haben. Man ahmt das Schlimme viel leichter nach als das Gute, aber auch dieses, wenn es sich beharrlich zeigt. Und bedingen die Höfe nicht so eigentlich den Zeitgeist? Kennen wir die Einwirkung des französischen Hofes auf die Höfe in Deutschland nicht zur Genüge, und sind seine Gebrechen nicht auf uns nur darum übergegangen, weil sie von unseren Höfen beifällig aufgenommen wurden? Man äfft nicht nur die Trachten, man äfft noch leichter leichtfertige Gebräuche nach, und die Sünde wird keine Sünde mehr, weil sie Mode geworden ist und jedes moralische Bedenken unterdrückt. Ein Verbrechen hört jedoch darum nicht auf, ein solches zu sein, weil sich ein Jeder in der Gesellschaft daran betheiligt. Sie achten und lieben die Menschen wenig, mein Fürst; würde dies nicht sein, so bin ich überzeugt, Sie würden die Ihnen zu Gebote stehende Macht auch zu deren Besserung und Veredlung benutzen.« —
»Chimären, Chimären!« fiel der Fürst mit Ironie ein. »Sie kennen die Menschen nicht, und darum hegen Sie dergleichen Wünsche. Ich sage Ihnen, besäßen Sie meine Kenntniß von der Menschennatur, Sie würden Ihr Ich zum Mittelpunkt des Lebens machen, und damit Basta. Gelingt es selbst dem Schöpfer dieser Menschen nicht, sie zu Engeln zu machen, wie sollte diese Aufgabe einem Menschen zugefallen sein? Hätte die Urkraft es anders haben wollen, so würden Sie sich heute nicht über Diejenigen beklagen, welche dem lieben Gott nicht in das Handwerk pfuschen wollen. Nur die Geister regieren, und ihrer sind wenige; der Haufe besteht aus Sklaven oder Unvernünftigen, und es lohnt wahrlich nicht der Mühe, sie zur Erkenntniß ihrer Niedrigkeit zu leiten; sie würden es Ihnen nicht danken, denn sie würden sich darin unglücklich fühlen. Die Materie, der Stoff, das Sinnliche ist im Leben das Gesuchteste; in ihnen fühlt sich der Haufe wohl; Moral und Geist hinken nach, sobald die Sinne Befriedigung finden; denn die Welt vermag auch ohne Moral zu bestehen, und an diese hat der liebe Gott wahrlich nicht gedacht, als er unsern Planeten in den Weltenraum setzte. Diese Ansichten mögen Ihnen zwar sehr materiell erscheinen, sie sind darum jedoch nicht minder gerechtfertigt, und Sie würden dieselben theilen, besäßen Sie meine Erfahrungen. Ueberlegen Sie sich meine Worte, Prinzessin, vielleicht gelangen Sie alsdann zu anderen Ansichten über das Leben, über sich selbst und Ihre Verhältnisse. Ich sage Ihnen, das Leben ist es nicht werth, die Moral über ein behagliches Dasein zu stellen. Sein Ton verklingt rasch, oft so rasch, ehe man sich darin kaum zurecht gefunden hat, und auch den bedeutendsten Menschen gelingt es kaum, daß dieser Ton noch ein wenig nach ihrem Sterben nachklingt, und geschieht es, so wird sein Widerhall dennoch rasch von dem Getöse des fortrauschenden Lebens aufgesogen. Doch genug dieser Dinge, die Ihnen vielleicht nicht zusagen. Aber sie sind gesprochen und Sie mögen daraus erkennen, daß man zu ganz anderen Ansichten gelangt, wenn man das Leben und die Menschen nicht aus der Vogelperspective betrachtet.«
Er schwieg und schaute durch das Fenster. Sidoniens Auge hing mit Ueberraschung an den erregten Zügen des Fürsten. Noch niemals hatte sich sein Cynismus in solcher Weise zu erkennen gegeben, und sie bebte davor zurück, indem derselbe ihre Seele verletzte.
Sie fühlte sich der Dialektik des Fürsten nicht gewachsen, und so wäre es klug gewesen, seine Worte schweigend hinzunehmen. Sie vermochte dies jedoch nicht; ihr Gefühl trieb sie an, die eigenen Grundsätze zu vertheidigen und dem Fürsten zu erkennen zu geben, wie weit sie entfernt war, seine trostlosen Anschauungen zu theilen, und darum entgegnete sie:
»Sie mögen in vieler Hinsicht Recht haben, mein Fürst; ich darf mir darüber kein Urtheil erlauben. Ein Jeder beurtheilt das Leben von seinem Standpunkt aus, und derjenige der Frauen ist ein anderer als der der Männer, und so will ich Ihnen nicht verhehlen, daß mich Ihre Worte nur noch mehr in der Erkenntniß befestigt haben, daß es in der Menschenbrust ein Gefühl giebt, das ihn über die Trostlosigkeit Ihrer Anschauungen erheben dürfte.« —
»O, ich merke, wo Sie hinaus wollen!« fiel der Fürst ein. »Sie sind eine Frau und wollen darum von Liebe und Tugend sprechen. Ist es nicht so?«
»Ja, mein Fürst,« entgegnete Sidonie ruhig. »Wer diese beiden Elemente im Menschenleben nicht kennt, mag sich leicht mit den Resultaten der Speculation des Verstandes zufrieden geben, doch nicht derjenige, der in ihnen die Schöpfer eines höheren Daseins schätzt und sich durch sie über die Materie des Lebens erhebt.«
»So machen Sie nur rasch den Dreiklang voll und fügen Sie auch den Glauben hinzu, der ja so eigentlich den Frauen angehört und von ihnen ganz besonders protegirt wird. Ich sage absichtlich: Dreiklang, denn meiner Ansicht nach ist die Liebe, wie die Tugend und der Glaube nur ein flüchtiger Ton, der sich nicht fassen läßt und lediglich in der Idee, vielleicht im Temperament, in der Constitution des Menschen beruht, ja vielleicht sogar auch in der Mode, im Zeitgeist. Denn es hat, wie Sie wissen, Tugend-, Liebes- und Glaubenszeiten gegeben, in denen man für diese eine besondere Vorliebe zeigte; ob aus Neigung, Ueberzeugung oder in Folge von Nachahmung und weil es einmal Sitte war, müßte leicht zu entscheiden sein, ganz abgesehen, daß dabei die Schauspielkunst gewiß ganz besonders cultivirt wurde. Sie sehen, daß die von Ihnen gepriesenen Elemente die denselben beigelegte Bedeutung nicht verdienen. Alles Ideale im Leben weicht früher oder später der Materie, und diejenigen, welche dies nicht anerkennen wollen, stempeln sich zu Narren oder Märtyrern. Chacun à son goût! Oder ist es etwa nicht so? Strebt nicht Alles der Materie zu, die sich für den Menschen im Tode gipfelt, was der unverständige Glaube nicht zu ändern vermag? Wenn ich der Bibel eine Wahrheit zugestehe, so ist es diese, daß der Mensch wieder zu Erde werden muß, aus welcher er geschaffen wurde. — Und die Liebe! — Ist sie mehr, als das Mittel sehr realistischer Zwecke? Erwägen Sie, Prinzessin. Ich stelle die Freundschaft als edler über sie, vorausgesetzt, daß die Selbstsucht keinen Theil daran hat. Die Freundschaft entspringt nicht einem Naturgesetz, die Liebe jedoch lediglich aus diesem, und die Natur ist nur belebte Materie. So wären wir mit dem von Ihnen so geschätzten Dreiklang fertig, dessen Harmonie sich vielleicht ganz gut anhört, der uns jedoch betrügt, da er nicht hält, was er verspricht.« —
»Wenn es mir auch gelänge, Ihren Ansichten beizustimmen, so machte sich dennoch die Frage in mir geltend, was aus unserm Leben würde, wenn Sie ihm die wichtigsten Stützen nehmen wollen?« fragte Sidonie und schaute den Fürsten mit Spannung an.