»Nein, nein! Nehmen Sie Ihr Wort zurück! Es kann Alles noch besser werden.«
»Wenn dies auch wirklich der Fall sein sollte, würde es dennoch meinen Entschluß nicht ändern. Des Prinzen Verhalten hat meine Geduld erschöpft,« entgegnete Sidonie voll Würde.
»Ueberlegen Sie nochmals die Angelegenheit, und ich gebe es Ihnen anheim, was Sie alsdann thun. Sie sind die Gemahlin des künftigen Regenten, Sie haben daher Rücksicht auf diesen Umstand zu nehmen,« bemerkte der Fürst.
»Ich glaube das bereits lange genug gethan zu haben, vielleicht schon zu lange für mein Interesse, ohne daß der Prinz sich veranlaßt gesehen, dies anzuerkennen. Seine Mißachtung länger zu ertragen vermag ich nicht, und so wiederhole ich meine Bitte,« entgegnete Sidonie.
»Sei es denn!« fiel der Fürst gereizt ein. »Doch lassen Sie uns nichts übereilen, denn dergleichen will reiflich erwogen sein. Bedenken Sie, welches Aufsehen ein so bedeutsamer und unerhörter Schritt erregen muß, und es thut nicht gut, den Leuten einen Einblick in das Familienleben der Fürsten zu gewähren. Vielleicht können wir dies noch vermeiden. Ich werde mit dem Prinzen sprechen und Ihnen seiner Zeit das Resultat mittheilen. Warten Sie also das Weitere ab. Wollen Sie?«
»Ich will es, mein Fürst,« entgegnete Sidonie nach kurzem Ueberlegen und fügte alsdann hinzu: »Zwar erkenne ich, daß die Verhältnisse allerdings Berücksichtigung verlangen; sollte diese jedoch so weit ausgedehnt werden können, ein ganzes langes unglückliches Leben zu beanspruchen? Ich glaube nicht, mein Fürst; denn auch das Herz hat seine Rechte.«
»Sie dürfen bei Beurtheilung fürstlicher Ehen nicht den gewöhnlichen bürgerlichen Maßstab anlegen, noch dergleichen Ansprüche erheben, und ich wünschte, Sie gelängen zu der Einsicht, daß bei der ersteren mehr die Interessen des Staats als das Herz maßgebend sind,« bemerkte der Fürst.
»Und warum sollten sich beide nicht vereinigen lassen? Sollte dem Fürsten, eben weil er Fürst ist, das Glück des gewöhnlichen Menschen, das Glück der Liebe, versagt sein? Ich kann mich davon nicht überzeugen, und das um so weniger, da der Stand unmöglich die Ansprüche unseres Herzens ändert. Und wenn dem so wäre, so müßte ich die Fürsten beklagen, da sie zu entbehren gezwungen sind, was der einfachste Mensch für den höchsten Schatz des Lebens anerkennt.«
»Diese Ansichten begründen eben ihren beklagenswerthen Irrthum, in welchem Sie sich befinden und durch welchen Sie sich von dem Hofleben geschieden haben. Sie wollen die Macht des Zeitgeistes nicht anerkennen, stellen sich über denselben und stoßen dadurch überall an, wie Sie das bereits erfahren haben müssen. Der Welt zu verrathen, daß man sich besser dünkt als sie, daß man ihre Sitten und Gebräuche verachtet, ist unklug und ein großer Fehler, namentlich bei einer Frau, die nicht die Gewalt und den Geist besitzt, die Welt nach ihrem Sinn zu leiten. Fügten Sie sich in den Zeitgeist, so würden Sie behaglicher leben und Ihr gegen mich ausgesprochenes Verlangen würde unterblieben sein.« —
»Ich glaube Ihnen, mein Fürst; indessen scheinen Sie zu übersehen, daß, wenn mir auch die Macht fehlt, die Welt nach meinen Ansichten zu bessern, ich dennoch die Berechtigung besitze, nach den Forderungen meiner sittlichen Natur zu leben und darnach meine Ansprüche an die Menschen zu erheben. Das Gute und Wahre gilt für alle Zeiten und darf dem herrschenden Zeitgeist nicht weichen, wenn der Mensch sich nicht selbst aufgeben will. Warum wollen Sie mir also mein Streben zum Vorwurf machen, da es gute Zwecke in sich trägt? Daß man über mich spöttelt, weil ich jene Dinge verachte, welche die bessere Natur des Menschen verunzieren, weiß ich; ich besitze jedoch so viel Kraft der Ueberzeugung, um mich darüber hinweg zu setzen. Mit den Schlechten schlecht zu werden, zeigt von einem gehaltlosen Charakter, von dem Mangel wirklich sittlicher Grundsätze. Und sollte nicht einst die Zeit kommen, in welcher das Bessere wieder allgemeinere Geltung erhält, und sollten wir diese nicht herbei zu führen bemüht sein? Ist das Leben der Menschen nicht wandelbar wie ihre Neigungen und Wünsche?« —