Er sah aber auch ein, daß er selbst mehr oder weniger die Veranlassung dieser Täuschung war, indem er den Wunsch betreffs einer Liaison mit der Prinzessin ausgesprochen und so des Barons Eitelkeit geweckt hatte. Dieser Umstand stimmte ihn milder gegen diesen, ohne ihn jedoch zu entschuldigen. Nach einigen Augenblicken wandte er sich an Mühlfels und bemerkte in verweisendem Ton:

»Ob Ihre Eitelkeit Sie hinsichts der Erfolge bei der Prinzessin täuschte, will ich dahin gestellt sein lassen; Sie haben jedoch leichtsinnig gehandelt und nicht bedacht, welche Folgen dergleichen zweideutige Bemerkungen, wie Sie sie gegen Boisière zu machen sich erlaubt, nach sich ziehen können. In solchen Angelegenheiten und mir gegenüber gilt nur die strengste Wahrheit. Das mußten Sie wissen. Sie sind schuld, daß ich mich compromittirt habe. Sie werden sich morgen zu der Garnison nach Bergen begeben und daselbst zum Dienst stellen. Ich hoffe, die dortige Abgeschiedenheit wird Sie zur Erkenntniß Ihres Leichtsinns gelangen lassen und Sie werden sich der Besserung befleißigen.«

»Mein gnädigster Fürst!« fiel Mühlfels, durch diesen strengen und nicht geahnten Urtheilsspruch in der tiefsten Seele getroffen, ein und blickte flehend zu dem Fürsten auf.

»Kein Wort, Baron! Ich weiß, daß ich viel zu milde mit Ihnen verfahre; Sie verdienen eine härtere Strafe und verdanken meine gnädige Rücksicht lediglich Ihrer Stellung zu dem Prinzen und Ihrer Familie,« entgegnete der Fürst in strengem Ton und winkte mit der Hand; Mühlfels entfernte sich schweigend, ohne daß er seine Bitte um Milderung der Strafe zu wiederholen wagte.

Der Fürst befand sich in der übelsten Stimmung. Es war ihm unangenehm, gezwungen zu sein, des Prinzen Günstling von dem Hof zu verweisen; denn er wußte, daß dieser Befehl den Letzteren verletzen würde. Vielleicht wäre er milder gegen Mühlfels gewesen, hätte er nicht die Nothwendigkeit erkannt, Sidonien dadurch die gewünschte Genugthuung zu verschaffen und so seiner Absicht, eine Versöhnung zwischen den Getrennten herbei zu führen, zu dienen.

Ueberdies war er willens, in dieser Angelegenheit mit aller Strenge zu verfahren und den Prinzen dadurch zum Eingehen auf seine Wünsche zu zwingen.

Mit welchen Gefühlen Sidonie nach ihrem Palais zurückkehrte, darf kaum näher bezeichnet werden. Die Unterredung mit dem Fürsten, in welcher sie Mühlfels’ Täuschung kennen gelernt hatte, beugte sie tief; mehr als Alles jedoch war es der schmerzliche Gedanke, der süßen Hoffnung, frei zu werden, wahrscheinlich entsagen zu müssen.

Des Fürsten Vorstellungen und Abneigung, auf eine Trennung ihrer Ehe einzugehen, hatten sie mit der Ueberzeugung erfüllt, daß man ihr kaum zu überwindende Schwierigkeiten entgegen stellen würde, um sie zum Aufgeben ihres Verlangens zu veranlassen. Eben so wenig durfte sie auf die Hilfe und Zustimmung ihres Bruders zu ihrem beabsichtigten Schritt rechnen, sobald sich der Fürst dazu nicht geneigt zeigte, da der Herzog sich stets des Letzteren Willen unterzuordnen für seine Pflicht erachtete.

Aurelie, die sie bei der Rückkehr von dem Fürsten erwartete, wurde durch Sidoniens so ungeahnte Mittheilungen in hohem Grade überrascht; nichts von allem Vernommenen verletzte sie jedoch so tief, als die Voraussetzung des Fürsten von Sidoniens Einverständniß mit Mühlfels, und ihr Schmerz darüber war um so tiefer, da sie nur zu gut wußte, wie sehr ihre Freundin darunter litt.

Und dennoch mußten sie dem Zufall danken, der das Gewebe einer so schimpflichen Intrigue enthüllt und die Prinzessin von der sie bedrohenden Gefahr befreit hatte. Wohin hätte es führen müssen, würde ein so übler Verdacht auf Sidonien geruht haben. —