Eine sehr bedeutungsvolle Frage war es, ob der Fürst nach mit dem Prinzen genommener Rücksprache über Sidoniens Entschluß die Zustimmung des Letzteren erhielt und dadurch etwa veranlaßt wurde, früher oder später auf ihr Verlangen einzugehen. Man war genöthigt, das Weitere abzuwarten; aber es konnte nicht fehlen, daß diese Angelegenheiten in der Folgezeit das Interesse der Freundinnen unablässig in Anspruch nahm, und eben so wenig, daß Sidonie unter denselben sichtlich litt und, des Trostes des Geliebten beraubt, täglich düsterer wurde und sich mehr und mehr von allen Zerstreuungen zurückzog. —
Die Urheberin dieser so bedauerlichen Ereignisse ahnte von dem durch ihren Besuch des Schauspiels angerichteten Unheil nicht das Geringste und würde darüber auch nichts erfahren haben, wäre dem Prinzen nicht durch Boisière ihr Ungehorsam und dessen Folgen verrathen worden.
Der Prinz, im höchsten Grade unangenehm überrascht, ließ den Fürsten durch dessen Abgesandten vorläufig mit seiner gänzlichen Unkenntniß dieser Angelegenheit bekannt machen und zugleich bitten, ihm, sobald er sich wohl genug fühlte, eine Unterredung zu gestatten, um sich bei ihm noch persönlich entschuldigen zu können.
Dies wurde ihm von dem Fürsten gern bewilligt, da, wie wir wissen, dieser einen ähnlichen Wunsch hegte.
Es verstand sich von selbst, daß der Prinz bei Marianens nächstem Besuch ihr seinen Unwillen über ihr leichtsinniges und ungehorsames Benehmen zu erkennen gab und sie zugleich mit den daraus entstandenen übeln Folgen bekannt machte.
»Nun, was ist dabei?« fragte sie unbefangen, nachdem der Prinz seine Vorwürfe ausgesprochen hatte, und bemerkte alsdann in schnippischem Ton: »Wäre ich eine von den vornehmen Damen, die ich im Schauspiel gesehen habe, so würde man mich gern geduldet und meinen Besuch nicht unstatthaft gefunden haben; jetzt aber, da ich nur ein ganz gewöhnliches Waldfräulein bin, spotten sie über mich und wollen mich unter sich nicht dulden, und doch weiß ich, daß mich eine Jede von ihnen um Deine Gunst beneidet, mein schöner Prinz. Warum machst Du mich nicht zu einer solchen vornehmen Dame, damit ich mich überall zeigen kann? Du bist doch ein Prinz und wirst bald Landesherr sein; hast Du denn nicht so viel Macht, mich zu einer Gräfin oder wenigstens Baronin zu machen?«
»Sei nicht thöricht und zufrieden mit dem, was Du hast!« fiel der Prinz unmuthig ein und fügte verweisend hinzu: »Dein Leichtsinn und Ungehorsam wird Alles verderben und bringt mich in fatale Ungelegenheiten. Noch weiß ich nicht, wie ich den Fürsten und meine Gemahlin beruhigen werde, und fürchte, Deine Keckheit wird nicht ungestraft hingenommen werden. Das Uebelste dabei ist jedoch, daß Deine Unvorsichtigkeit das Geheimniß meines Umganges mit Dir zerstört und mich dadurch des Vergnügens beraubt hat, das mir dasselbe gewährte!«
»Wäre das nicht auch ohne mein Thun früher oder später geschehen?« fragte sie, mit einem in ihrer Hand befindlichen Stöckchen tändelnd, und schaute den Prinzen treuherzig an. »Glaubst Du denn, mein schöner Prinz,« fuhr sie fort, »daß man von Deinen Besuchen bei mir nichts weiß? Da würdest Du Dich schön irren! Ich denke, die ganze Welt weiß schon darum. Du solltest also nicht böse sein und Dich vielmehr herzlich freuen, daß mich die Leute gesehen haben; denn nun haben sie mich doch von Angesicht schauen und sich mit ihren eigenen Augen überzeugen können, daß die Mariane wol hübsch genug ist, um Dir zu gefallen. Du hättest nur sehen sollen, mein Prinz, wie sie mich begafften, als ob ich ein Wunderthier wäre. O, wie hat mich das belustigt und wie bin ich bemüht gewesen, die vornehme Dame zu spielen und meinem Prinzen Ehre zu machen. Auch die blasse junge Dame in der großen Loge, die sie Deine Frau nannten, hat mich mit ihren sanften Augen angeschaut; ach, sie war die Schönste von Allen und hat mir am besten gefallen.«
»Schweig mir damit!« herrschte der Prinz. »Du bist eine Närrin, und ich erkenne, daß mir Dein Leichtsinn nur üble Streiche spielen wird. Meine zu große Nachsicht hat Dich verwöhnt und ich bin vor ähnlichen Thorheiten nicht sicher!«
»O glaub’ das nicht, mein Prinz! Du weißt, ich thue gern Deinen Willen. Sei nur nicht böse! Sieh, ich bin ein unerfahrenes, dummes Waldkind, dem darfst Du so etwas nicht übel nehmen. Jetzt bin ich schon klüger geworden, und ich schwöre Dir, ich werde Deine Befehle stets befolgen.«