»Sie irren sich. Wie könnte solche Kleinigkeit —« wandte Mariane ein.

»Nun, Sie werden es ja bald erfahren. Ohne einen erheblichen Grund konnte der Prinz nicht auf den Gedanken gerathen, Sie reisen zu lassen. Ich wiederhole, das geschieht nicht mit seinem Willen, sondern es steckt etwas dahinter, Sie werden es erleben. Lesen Sie seinen Brief nur noch einmal durch.«

Mariane ergriff in Folge dieser Aufforderung einen neben ihr auf dem Koffer liegenden Brief, den sie vor wenigen Stunden von dem Prinzen erhalten hatte und worin er ihr anzeigte, daß besondere Umstände ihn nöthigten, sie aus der Stadt für eine kurze Zeit zu entfernen. Sie und Madame Voisin, die sie auf der Reise begleiten würde, sollten sich dazu vorbereiten, jedoch nur mit den nothwendigsten Sachen versehen. Mariane möge ihn in der Nacht erwarten und würde alsdann alles Weitere von ihm erfahren. Sein Besuch müßte der Dienerschaft durchaus verheimlicht werden und sollten sie ganz besonders darauf bedacht sein.

»Nun, Fräulein, ist Ihnen jetzt die Sache klar?« fragte Madame Voisin.

»Wir sollen eine kleine Reise machen, vielleicht nach meiner Heimath, und das wäre schön; sonst finde ich nichts Besonderes in den Worten,« meinte Mariane ziemlich ruhig.

»Dann habe ich nichts mehr zu sagen,« sprach Madame Voisin und begann auf’s Neue zu packen; Mariane jedoch, von der Voraussetzung erfüllt, eine Zeit lang in der Heimath verleben zu dürfen, plauderte weiter.

»Wie werden sie meine Schmucksachen und schönen Kleider dort bewundern! So etwas haben sie noch nicht gesehen. O, ich will ihnen davon schenken, so viel es irgend geht; der Prinz kann ja für Neues sorgen. Und der Wald ist auch grün und frisch, und ich kann mich darin wie früher nach Belieben ergehen, und um so besser wird es mir dann wieder hier gefallen, wenn ich zurückkomme. Wenn ich nur meine Vögel und Affen auch mit mir nehmen dürfte.« —

In solcher Weise schlug sich das Mädchen alle Sorgen und Bedenklichkeiten aus dem Herzen, indem sie sehr bald Madame Voisin nachahmte und allerlei, oft die überflüssigsten Dinge in den Koffer packte, wobei sie zugleich und auch die Erstere ab und zu aufhorchten, wenn sich der Nachtwind oder ein anderes Geräusch draußen geltend machte.

Während sie sich also beschäftigten, bemerkte man zwei in Mäntel gehüllte Männergestalten durch eine Hinterthür aus dem Palais des Prinzen schleichen und sich vorsichtig an den Häusern fortbewegen. Ihr Benehmen verrieth, daß sie nicht erkannt sein wollten, und die herrschende Dunkelheit kam ihnen dabei sehr zu statten. Auch war Mitternacht fast vorüber, die Straßen unbelebt und überall herrschte Ruhe und Stille; ein weiterer günstiger Umstand für ihre Absicht.

Ziemlich rasch und schweigend durchschritten sie mehre Straßen und gelangten alsdann außerhalb der Stadt und auf den Landweg, den sie verfolgten, bis sie Marianens Villa erreichten.