»Nun, nun, ich verlange keine Indiscretion! Aus den Wirkungen pflegt man gemeinhin auf die Ursachen zu schließen, und wenn ich diesen Satz auf den Prinzen anwende, so komme ich zu der Voraussetzung, daß des Prinzen Geliebte ein ganz besonderes Mädchen sein muß, da sie es verstanden hat, den flatterhaften Mann so sehr zu verwandeln. Der Fürst ist damit zufrieden, da diese Liaison so vortheilhaft auf den Prinzen gewirkt hat. Nun, wir werden hoffentlich bald Näheres darüber erfahren, denn unsere Damen hier sind viel zu neidisch auf die der Unbekannten geschenkte Gunst, um sich dabei leidend zu verhalten. Bald, denke ich, werden sie das sonderbare Geheimniß ausgekundschaftet und damit die erwünschte Gelegenheit gefunden haben, ihre scharfe Zunge daran zu letzen: Es ist ein trauriges Schicksal der Fürsten und Großen, keine Geheimnisse haben zu dürfen. Sein Sie bedacht, mein theurer Baron, daß die verehrte Prinzessin diesem Schicksal nicht gleichfalls unterliegt. Doch Sie sind ein kluger und vorsichtiger Mann, und ein solches Geheimniß verbirgt sich leichter im offenen, freien Umgange als in dem Versteck der Einsamkeit und der Nacht.«
Der Chevalier erhob sich, ergriff des Barons Hand und bemerkte in vertraulichem Ton:
»Ich muß noch eine Bitte aussprechen. Sie kennen das Interesse des Fürsten für Ihre Angelegenheit, und es kann Sie daher der Wunsch desselben nicht überraschen, mit dem Fortgang derselben bekannt gemacht zu werden. Wollen Sie mir also zu seiner Zeit Mittheilungen darüber machen?«
»Des Fürsten Wunsch befreit mich von jeder Antwort.«
»Gut, gut, mein lieber Baron. Ich verlasse mich ganz auf Sie. Also viel Glück! O, wer wie Sie noch jung und schön wäre! Aber, tempi passati! O, Sie Beneidenswerther! Sidonie ist mehr interessant als schön; doch das läßt noch keinen Schluß zu, was sie in der Liebe ist. Da erscheinen die Frauen oft mit ganz neuen, nicht geahnten Reizen. O die süßen kleinen Frauen! Au revoir, mon cher ami, au revoir!«
Er umarmte den Baron zärtlich und entfernte sich alsdann, um der Oberhofmeisterin einen Besuch zu machen und bei dieser Gelegenheit die von dem Fürsten gewünschten Notizen über des Prinzen neue Liaison zu sammeln.
Er kannte nämlich den Verkehr des Prinzen in dem Hause der Baronin und wußte überdies, welche Dienste diese dem Ersteren geleistet; es war also keine Frage für ihn, daß sie auch bei dieser Liaison die Hand im Spiel hatte, und es daher seiner Geschicklichkeit gelingen müßte, sie zu den gewünschten Aeußerungen zu veranlassen. Er gedachte ihr überdies Andeutungen hinsichts der soeben mit ihrem Sohn besprochenen Angelegenheit zu machen und es ihr anheim zu geben, in wie weit sie dabei auf die Prinzessin einzuwirken für gut fand. Eine so erfreuliche Mittheilung, sagte er sich, war aber auch zu vertraulichen Aeußerungen sehr geeignet, und so hoffte er seinen Zweck bestimmt zu erreichen.
Mühlfels blieb nach des Chevaliers Entfernung in der glücklichsten Stimmung zurück.
Was ihm der Chevalier mitgetheilt, kam ihm eben so unerwartet, als es seine kühnsten Wünsche überflügelte. Der Fürst billigte nicht nur seine Zuneigung zu der Prinzessin, sondern wünschte dieselbe sogar, indem er zugleich bedacht war, ihr wie ihm jedes Hinderniß und jede Bedenklichkeit zu nehmen. Den Grund zu alledem erkannte Mühlfels nur zu wohl, und dieses Bewußtsein gewährte ihm eine bezaubernde Aussicht, die ihm die glänzendste Zukunft verhieß. Vor allen Gefahren gesichert, durch den Wunsch des Fürsten ermuthigt, dessen Erfüllung seine Eigenliebe zugleich herausforderte; von der Täuschung erfüllt, Sidoniens Gunst bereits gewonnen zu haben, und mit den Mitteln ausgestattet, ihr jedes Bedenken zu nehmen, gedachte er nun die erste Gelegenheit zu benutzen, ihr seine Liebe zu gestehen und sich derselben voraussichtlich bald zu erfreuen.
Während dieser Ueberlegung hatte der Chevalier das Haus der Baronin erreicht und wurde von dieser in der freundlichsten Weise empfangen. Zeigte Boisière bei Mühlfels den Cavalier, so bei der Baronin den galantesten Hofmann. Als er sie begrüßte, ergriff er ihre Hand, führte sie an Lippen und Brust, indem er, die Baronin zärtlich anschauend, im Lispelton bemerkte: