»Sie werden mich nicht verrathen, liebster, bester Freund,« bat die Baronin.
»Mein Wort zum Pfande! Warum sollte ich es auch? Dafür werden schon Andere sorgen. Also kein Bedenken. Aber ich gratulire Ihnen auch, meine Freundin; denn der Fürst wird Ihnen sehr dankbar sein. Diese Liaison wird ihm viel Vergnügen bereiten und seine ganze Billigung finden, da sie so vortreffliche Wirkungen ausübt. Ueberdies ist sie auch im Hinblick auf den Wunsch des Fürsten hinsichts Ihres Sohnes von großer Bedeutung; je fester der Prinz von den Fesseln seines Landmädchens umsponnen wird, um so gerechtfertigter ist auch des Fürsten Absicht. Ich wünsche Ihnen nochmals Glück!«
Also redete der Chevalier in der besten Stimmung und indem er der Baronin Hand wiederholt an die Lippen führte; alsdann schied er, nicht wenig stolz, Serenissimi so pikante Nachrichten überbringen zu können und sich dessen Dank zu erwerben.
Seine Erwartungen wurden in der That nicht getäuscht. Der Fürst zeigte sich nicht nur sehr zufrieden mit dem Vernommenen, sondern es erregte auch seine besondere Heiterkeit, daß der Prinz sich in eine solche idyllische Liebe zurück gezogen hatte.
»Es ist gut so,« bemerkte er. »Dergleichen niedere Personen gewinnen keinen Einfluß bei Hofe, da ihnen Interessen dieser Art ganz unbekannt sind. Ohne Ehrgeiz und Ansprüche, sind sie durch ihre glänzende Lage vollkommen zufrieden gestellt, und man kann sie überdies nach Belieben seiner Zeit bequem beseitigen. So käme uns diese Angelegenheit denn sehr nach Wünschen, und was Sie mir über den Baron mitgetheilt haben, läßt mich an einem guten Erfolg nicht zweifeln. — Der Prinz,« fuhr er nach einer Pause fort, »darf in seiner Schwärmerei durchaus nicht durch aufdringliche Neugier gestört werden; je länger diese Liebschaft währt, um so besser. Von meiner Seite soll nichts geschehen und ich will thun, als ob ich nicht die geringste Kenntniß davon besäße; doch kann es nichts schaden, wenn Sie derselben im Geheimen Ihre Aufmerksamkeit zuwenden, damit ich stets über Alles unterrichtet bin. Im Uebrigen reinen Mund, Chevalier. Versichern Sie die Baronin meiner Gnade für den mir geleisteten Dienst und beruhigen Sie sie hinsichts der von ihr besorgten Indiscretion. — Ja, ja,« schloß der Fürst lachend, »eine Liaison à la Louis quatorze! Die schöne Gabriele und ihr königlicher Schäfer! Nun, man darf des Prinzen Geschmack nicht tadeln. Die Waldblume bleibt, obgleich sie auch nur im Walde aufblühte, doch immer eine Blume!«
Lachend entließ er den Chevalier, der seinerseits von diesem Augenblick an bedacht war, die besten Wege aufzufinden, sich die von dem Fürsten gewünschten Aufklärungen über des Prinzen Liebschaft zu verschaffen. Diese Angelegenheit hatte einen ganz besondern Reiz für ihn, und mit um so größerem Vergnügen ging er an seine Thätigkeit.
Zweites Kapitel.
Die ersten Schneeflocken senkten sich aus dichtem Gewölk sanft auf die Erde nieder, durch keinen Luftzug gestört, hafteten hin und her an, um bald zu zerfließen oder sich an einem kälteren Gegenstand als Winterzeichen zu behaupten. Die der Erde fernstehende Sonne vermochte die Wolken nicht zu durchdringen, noch auch ihr freundliches Licht geltend zu machen; es war ein recht trüber, melancholischer Tag.
Sidonie saß allein in ihrem Gemach und entlockte der in ihren Armen ruhenden Harfe die letzten Töne eines Musikstücks, das sie soeben beendete. Leise vertönten die traurigen Accorde; sie lehnte das Haupt gegen das Instrument und verlor sich in trüben Gedanken. Fast drei Wochen waren nun schon über den von dem Grafen zu seiner Rückkehr bestimmten Zeitpunkt dahin gegangen, ohne daß er sein Versprechen erfüllt hatte.
Allerlei Zweifel und Bedenken waren in Folge dieses Fernhaltens in ihr aufgestiegen. Wie nahe lag die Besorgniß, der Graf erachte es vielleicht wie früher für besser, sein Versprechen nicht zu halten und Sidonie so allmälig an den Gedanken seiner dauernden Entfernung zu gewöhnen.