Wie sehr litt sie unter dieser Vorstellung, obgleich sie sich nicht für berechtigt erachtete, dem Geliebten darum einen Vorwurf zu machen. Durfte sie denn verlangen, daß er ihr sein Leben opferte und die sich ihm darbietenden angenehmen Stunden für so Geringes austauschte, was sie ihm dafür zu bieten vermochte? — Nein, nein, das konnte und wollte sie nicht. Dann fiel es ihr wieder ein, der Graf könnte, von seinen Verwandten gedrängt, vielleicht auch durch eine schöne Dame veranlaßt, an eine Vermählung denken. — — Er war der älteste Sohn der Familie und hatte Rücksichten auf diese zu nehmen. Sie erbebte, aber nur für einen Augenblick, alsdann schalt sie sich wegen dieser Besorgnisse, die den Geliebten beleidigen mußten. Doch was ersinnt sich nicht Alles das zagende, unglückliche Herz, um sich zu beruhigen und zu quälen.

Ihren Mund umspielte ein süßes Lächeln; sie erwog, daß der Graf, hätte er sich vermählen wollen, dies dann wol schon in den verflossenen Jahren gethan haben würde, und der Gedanke schmeichelte sich in ihre Seele, daß ihre Liebe ihm genüge und genügen würde sein Leben lang. Hatte sie es nicht schon früher von seinen eigenen Lippen vernommen? — Sie war eine Thörin, sich mit dergleichen üblen Vorstellungen und Zweifeln zu quälen. Warum sollte er auch fern bleiben? — Gestattete ihre unabhängige Lage nicht einen ungezwungenen Verkehr mit ihm, der zu süß und beglückend war, um ihm nicht zu genügen. Auch durfte er ihretwegen nichts mehr befürchten. Vereinsamt und kaum beachtet lebte sie; Niemand kümmerte sich um ihr Thun, und so durften sie sich an einander ohne Sorge erfreuen.

Obwol diese Betrachtungen angenehmer Art waren, vermochten dieselben dennoch ihre trübe, nachdenkliche Stimmung nicht aufzuheben. Ihr Gesichtsausdruck verrieth dieselbe, in welchem sich der eingewohnte Schmerzenszug jetzt mehr denn sonst geltend machte.

Sie wurde ihrem trüben Nachsinnen durch die Meldung entzogen, daß Baron Mühlfels ihr aufzuwarten wünsche. Sie erinnerte sich, ihm vor einiger Zeit einen Auftrag wegen eines Künstlers gegeben zu haben, und in der Voraussetzung, er wolle ihr darüber berichten, ließ sie ihn sogleich zu sich führen.

»Ich bin so glücklich, Eurer Hoheit mittheilen zu können, daß der von Ihnen gewünschte Künstler innerhalb eines Monats hier anlangen wird und sich hochgeehrt fühlt, Eurer Hoheit mit seinen Diensten alsdann aufwarten zu dürfen,« berichtete Mühlfels, nachdem er die Prinzessin hochachtungsvoll begrüßt hatte.

»Das ist eine erfreuliche Nachricht, lieber Baron, und ich danke Ihnen bestens dafür. Meine Soiréen werden dadurch um einen wesentlichen Genuß vermehrt werden, was mir ungemein lieb ist. Sie haben wol mancherlei Mühe dieserhalb gehabt?« entgegnete Sidonie in dem ihr natürlichen herzlichen Ton.

Mühlfels blickte die Prinzessin mit dem Ausdruck tiefster Ergebenheit an, die jedoch auch zugleich eine Deutung zärtlicher Empfindungen gestattete. Ihm entging ihr Trübsinn nicht, und theilnahmsvoll entgegnete er:

»Wie beglückt würde ich mich fühlen, wäre es mir gestattet, mein ganzes Leben dem Dienst Eurer Hoheit zu weihen! O, wie sehr beklage ich es, so wenig zur Erheiterung Ihres betrübten Herzens beitragen zu können!«

Durch diese Versicherung angenehm bewegt, entgegnete Sidonie freundlich:

»Ich danke Ihnen für Ihre Ergebenheit und erinnere Sie, daß es uns schon genügt, bei unseren Freunden so gute Gesinnungen voraussetzen zu dürfen. Diese gelten statt der That.«