»Eine wahre Gesinnung verlangt aber auch die Handlung, den Zeugen ihres Lebens; sie allein vermag denjenigen nicht zu befriedigen, der sein höchstes Glück in der vollsten Hingabe an seine Gebieterin findet!« fiel der Baron mit Wärme ein, indem sein Auge dasjenige der Prinzessin suchte und darin forschte.

Sidonie blickte nachdenkend zu Boden; sie gedachte bei Mühlfels’ Worten des Grafen, der ja in ähnlicher Weise zu ihr gesprochen hatte, und gab dem Baron darum in ihrem Herzen Recht. Sie vermochte nicht sogleich die Antwort zu finden, und Mühlfels deutete ihr Schweigen und nachdenkliches Wesen für eine gute Wirkung seiner Worte, und beeilte sich, im obigen Ton fortzufahren:

»O, dieses Verlangen, gnädigste Prinzessin, wird um so heftiger, wenn wir Diejenigen, denen unsere tiefste Verehrung gehört, ein freudloses Dasein führen sehen. O, bedenken Hoheit, wie sehr die leiden müssen, die mit solchen Empfindungen erfüllt, sich dennoch nur zu einem Mitleiden verurtheilt sehen, obwol ihr Herz sie drängt, ihr Leben für ein Lächeln der Verehrten hinzugeben!«

Sidonie blickte wohlwollend auf ihn. In seinem Ausspruch klangen ihr ja auf’s Neue des Geliebten Worte wieder; denn also hatte auch er einst gesprochen, und so that ihr Mühlfels’ Wärme wohl, obwol sie dadurch überrascht wurde, da sie dergleichen Empfindungen bei ihm nicht erwartet hatte. Nach kurzem Zögern entgegnete sie mit mildem Ton:

»Ich muß Ihnen beistimmen. Denn es däucht mir natürlich, daß wir diejenigen, die wir in unser Herz geschlossen haben, auch ganz glücklich sehen möchten; ist das doch eine Nöthigung unserer Gefühle. Können und dürfen wir jedoch stets dieser folgen? Entbehren und Verzichten ist ja einmal das Loos der Menschen!«

»O hegen Sie diesen Glauben nicht, Prinzessin! Er ist zu niederdrückend und obenein unbegründet! Nicht zum Entbehren ist Jugend und Schönheit geschaffen, sondern zum vollsten Genuß des Lebens. Nur der Schwache und Furchtsame entbehrt im Gefühl seiner Machtlosigkeit; ihm mangelt die wahre Leidenschaft; der Muthige jedoch weiß die Schranken zu durchbrechen, die ihn von seinem Glück fern halten!«

Die Prinzessin schaute ihn betroffen an; seine Worte paßten auch jetzt wieder zu ihrem eigenen Verhältniß, ja sogar zu ihrer gegenwärtigen Lage, so daß sie auf den Gedanken geleitet wurde, der Baron sei mit ihrer Liebe bekannt und bedacht, sie zu ermuthigen und zu trösten.

Diese Voraussetzung lag nahe; denn warum sollte Mühlfels durch des Grafen früheren Besuch nicht zu einer solchen Erkenntniß gelangt und durch Theilnahme für ihre unglückliche Lage veranlaßt worden sein, ihr in geschickter Weise dies zu erkennen zu geben und seine Dienste anzubieten. —

Das wäre keine besondere Erscheinung zu nennen gewesen; bot man sich doch, wie sie genügend erfahren hatte, am Hofe in dergleichen Angelegenheiten gern die Hand. Und mußte sie des Barons Ansichten nicht überdies beistimmen? Verlangte ihr eigenes Herz nicht nach dem Glück des Lebens? Erfüllte sie in diesem Augenblick nicht die Sehnsucht nach dem Geliebten? Auch erwog sie, daß ein Mann von Mühlfels’ Stellung ihr unter den obwaltenden Verhältnissen von besonderem Vortheil sein könnte? —

Dies Alles leitete sie auf den Gedanken, die Gesinnungen des Barons näher zu prüfen und sich zugleich zu überzeugen, in wie weit er etwa mit ihrer Liebe vertraut wäre. Daher glaubte sie das Gespräch fortsetzen zu müssen und ihn dadurch zu weiteren Aeußerungen zu veranlassen, und sie entgegnete mit Interesse: