»Es mag wol in dem Charakter des zum Handeln geborenen Mannes liegen, dem Widerstande der Verhältnisse mit Thatkraft zu begegnen, so weit dies eben möglich ist, und ich kann nicht läugnen, daß ich dies auch überhaupt bei dem Manne voraussetze; ein Anderes ist es jedoch bei den Frauen, denen diese Energie mangelt.«

»Darin eben beruht des Mannes Glück, der sich dadurch berufen fühlt, für sie zu handeln, ihnen den erfüllten Wunsch zu Füßen zu legen und in ihrem Dank den Lohn der Mühen zu kosten,« fiel Mühlfels mit Wärme ein.

»Sie mögen Recht haben; doch fürchte ich, Sie huldigen zu sehr der Theorie und übersehen, daß das wirkliche Leben mit seinen tausendfachen Verschlingungen, Forderungen und Gesetzen auch dem kräftigsten Willen unbesiegbare Hindernisse entgegen stellt.« —

»Welches Gesetz, welchen Widerstand, scheinbar unüberwindlich, hätte die Kraft der Leidenschaft nicht schon zu beseitigen gewußt!« bemerkte Mühlfels mit gesteigerter Wärme. »Wo sie herrscht und die Energie anspornt, ist der Sieg stets der ihre. Doch,« fuhr er, sich besinnend fort, »wir sind auf das unfruchtbare Feld der Speculation gerathen, und doch war es meine Absicht, Hoheit das heiße Verlangen auszudrücken, so glücklich zu sein, Ihnen durch meine Ergebenheit ein Lächeln der Freude zu verschaffen, zu welchem Sie ja vor Allen hier am Hofe berechtigt sind, da Ihr edles Herz tausendfach schmerzlich berührt worden ist und — o, daß ich es sagen muß! — noch betroffen wird. O, meine gnädige Prinzessin wird mir verzeihen, wenn ich gestehe, wie ich von Anbeginn ihren stillen Kummer mitgefühlt, ihre Kränkungen mich nicht geringer empört haben, wie sie selbst, und ich immer und immer nur den einen Wunsch hegte, sie über diese Leiden fortzuheben!«

Der Baron hatte, von seiner Leidenschaft für die Prinzessin, deren mildes Wesen sie ihn doppelt reizend erscheinen ließ, fortgerissen, in einem wirklich aufrichtigen Ton gesprochen, der um so mehr geeignet war, eine gute Wirkung auf Sidonie auszuüben, da sie darin nichts Anderes als eine freundschaftliche Theilnahme mit ihrer Lage erkannte. Auch lag ihr die Ahnung von des Barons Gefühlen und Absichten so sehr fern, daß sie durch seine Worte nicht daran erinnert wurde. Ueberdies war ihr die allgemeine Theilnahme bekannt, welche man ihr schenkte, warum sollte sich Mühlfels, der mit ihren Verhältnissen am genauesten vertraut war, warum sollte er daher eine Ausnahme machen. — Im Gegentheil war er vor allen Anderen dazu veranlaßt. In dieser Voraussetzung blieb sie daher unbefangen und entgegnete, durch die verrathene Theilnahme angenehm berührt, in herzlichem Ton:

»Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Theilnahme, lieber Baron, doch was vermögen Sie zu thun, meine Lage zu ändern?« —

»O, Hoheit, vielleicht mehr, als Sie glauben!« betheuerte Mühlfels erfreut.

Sidonie schüttelte das Haupt.

»Sie trauen sich zu viel zu, lieber Baron. Sie kennen die Verhältnisse und wissen, daß ich mich denselben entsagend fügen muß« — erwiderte Sidonie und schaute, von ihren trüben Gefühlen beherrscht, zu Boden.

»Und warum müssen Sie sich fügen, gnädigste Frau? Hat Sie des Prinzen Verhalten nicht längst zur vollsten Freiheit berechtigt? Ihm schulden Sie keine Rücksicht mehr, da er sie nicht verdient, und er verdient dieselbe in diesem Augenblick um so weniger, da er sich in den Fesseln einer andern Person glücklich fühlt und darüber die Eurer Hoheit schuldende Ehrfurcht vergessen kann!«