»Sie sagen: die vollste Freiheit; wie soll ich das verstehen? Ich genieße dieselbe bereits in so weit, als mir meine Stellung sie gestattet; meint der Fürst also eine Trennung der Ehe?« fragte Sidonie voll Spannung.

»Nein, Hoheit, eine Trennung scheut er; aber er übersieht doch die Berechtigung nicht, welche Ihre Jugend und Schönheit an dem Vollgenuß des Lebens besitzen, und wünscht daher, Sie möchten dieselben nach Belieben geltend machen.« —

»Ah so, jetzt verstehe ich Sie,« fiel Sidonie ein, ohne eine Ahnung von dem eigentlichen Sinn der vernommenen Worte zu gewinnen, und fügte, sich der früheren Vorwürfe des Fürsten wegen ihres eingezogenen Lebens erinnernd, fort: »Ich weiß, der Fürst wünscht, ich soll mein stilles Leben aufgeben, und glaubt, daß das dem Prinzen gefallen würde. Er scheint noch immer nicht einzusehen, wie schwer es uns wird, unser eigentliches Wesen zu ändern.« —

»Vielleicht ist dies nicht des Fürsten Meinung, sondern dieselbe schließt noch eine tiefere Deutung ein,« bemerkte Mühlfels, die Prinzessin bedeutsam anblickend.

»Es ist mir sehr lieb, daß der Fürst noch so viel Interesse für mich hegt; denn ich fürchtete bereits, er hätte mich längst aufgegeben; sein kaltes Benehmen gegen mich ließ mich dies wenigstens vermuthen. Doch ist es so, wie Sie sagen, so bin ich dem Fürsten dafür dankbar,« entgegnete Sidonie unbefangen und ohne Mühlfels’ Blick und Worte zu verstehen.

»Hoheit können sich auf mein Wort verlassen,« betheuerte Mühlfels und blickte die Prinzessin wiederum bedeutsam an.

»Nun denn,« entgegnete Sidonie in einer fast heitern Stimmung, »ich will versuchen, den Wunsch des Fürsten zu erfüllen; in wie weit mir dies jedoch gelingen wird, weiß ich jetzt freilich noch nicht.«

»Ich versichere Eure Hoheit, daß Sie den Fürsten dadurch in hohem Grade erfreuen werden!« fiel Mühlfels betheuernd ein und fügte alsdann hinzu: »O, dürfte ich so glücklich sein, zum Diener Ihrer Wünsche erhoben zu werden! Hoheit kennen meine Ergebenheit und mögen aus dieser auf die Empfindungen schließen, die mich für Sie beseelen. Gebieten Sie über mich! Ach, es ist ja das Schicksal der Niederen, da zum Schweigen verdammt zu sein, wo ihr Herz am lautesten spricht!«

»Sie haben mich bisher durch Ihren gefälligen Diensteifer erfreut, und ich werde Ihre heutige Versicherung nicht vergessen,« entgegnete Sidonie wohlwollend, indem sie ihm die Hand reichte, die Mühlfels mit größter Innigkeit küßte und sich alsdann auf das Zeichen der Entlassung mit einem zärtlichen Blick auf sie entfernte.

Sidonie schaute ihm verwirrt nach. Die ihr gemachten Mittheilungen hatten sie ebenso sehr bewegt als überrascht. Des Prinzen neue Liaison, die der Baron als eine ernste Leidenschaft bezeichnete, deren Gegenstand eine Person aus niederen Stande sein sollte; des Fürsten Rücksicht für sie, noch mehr, daß der Letztere ihr diese und, wie es ihr schien, mit Absicht durch Mühlfels bekannt machen ließ, hatten Vermuthungen aller Art in ihr erweckt, ohne ihr ein festes Urtheil über das Vernommene zu gestatten. In dem Bemühen, sich ein solches zu bilden, wurde sie durch Aureliens Eintreten angenehm überrascht.