»Und wenn diese Voraussetzung unrichtig ist?« —
»Unmöglich!« —
»Nicht so unmöglich, als Du glaubst. Betrachten wir sein Benehmen gegen Dich genauer. Du kannst nicht läugnen, daß, seitdem der Prinz die Besuche der Residenz aufgegeben hat, er sich auffällig bemüht, in Deine Nähe zu gelangen worin ihm Deine Aufträge sehr entgegen kamen. Zwar bezeigte er Dir bisher nur die Dir gebührende Achtung und Ergebenheit; es ist mir jedoch nicht entgangen, daß er Dich im Geheimen mit Zärtlichkeit betrachtet; rechne ich dazu die Wärme, mit welcher er zu mir über Dich sprach, so ist die Annahme einer zärtlichen Neigung für Dich nicht zu verwerfen.« —
»Du könntest Recht haben; denn überdenke ich sein heutiges Benehmen, so fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich gerathe auf die Vermuthung, daß seine Worte in Bezug auf den Prinzen, ja vielleicht auch sogar auf den Fürsten, in irgend einem Zusammenhange mit seiner Neigung stehen können.«
»Deine Verhältnisse, meine liebe Freundin, sind leider der Art, daß sie zu dergleichen Bekenntnissen heraus fordern,« — bemerkte Aurelie.
»Doch geben sie dem Baron kein Recht dazu!« fiel Sidonie unmuthig ein.
»Beurtheile ihn nicht härter, als er es verdient. Blicke um Dich und sieh, welcher Art hier das Leben ist. Eine junge Dame in Deiner Lage gestattet die Vermuthung, daß sie sich nach angenehmer Zerstreuung und Tröstung sehnt. Niemand ahnt Deine Liebe. Der Baron verehrt Dich; wie natürlich also, Dir seine Gefühle in der angenehmen Voraussetzung zu erkennen zu geben, Dir damit gelegen zu kommen, vielleicht auch von dem Wahn befangen, Du theiltest seine Neigung.«
»Es könnte sein, doch gestehe ich Dir, ich zählte den Baron trotz seiner Stellung zu dem Prinzen nicht zu den Schlimmen,« bemerkte Sidonie.
»Das weiß Mühlfels sehr wohl, und dieser Umstand wird ihm daher auch den Muth gegeben haben, Dir seine Neigung zu verrathen und das vielleicht absichtlich in einem Augenblick, in welchem eine neue den Prinzen entehrende Liaison Dich von allen sittlichen Rücksichten gegen diesen befreit.«
»Es liegt viel Wahrheit in Deinen Worten.« —