»Er hoffte unter den angegebenen Umständen leichter und sicherer Dein Herz zu gewinnen, darum enthüllte er Dir seine so lange verborgene Neigung erst in einem ihm so günstig scheinenden Augenblick.«

»So kann es sein.«

»Die Zeit wird uns ja zeigen, in wie weit wir mit unseren Vermuthungen Recht haben; doch gebietet es Dir wol die Vorsicht, auf der Huth zu sein und den Baron zu der Einsicht zu leiten, wie wenig Du geneigt bist, seine Gefühle zu theilen.«

»Ich wünschte, mir wäre dies erspart worden; denn der Gedanke beunruhigt und verletzt mich zugleich, ich könnte in Mühlfels dergleichen Gefühle erweckt und durch mein Verhalten allerlei Hoffnungen in ihm erregt haben. Ich werde mich fernerhin bemühen, ihn zur Erkenntniß seiner Täuschung zu führen.«

»Beunruhige Dich nicht zu sehr! Vielleicht beurtheilen wir diese Angelegenheit ernster, als sie es verdient. Bald, hoffe ich, wird unser Freund anlangen, und seine Nähe wird die trüben Gedanken aus Deiner Seele scheuchen.«

»O, wäre er erst hier!« rief Sidonie und fügte seufzend hinzu: »Ach, oft schleicht sich der schmerzliche Gedanke in mein Herz, ich werde ihn vielleicht nimmer wieder sehen!«

»Deine Besorgniß, ich versichere es Dir, ist ungerechtfertigt. Römer kommt, dessen sei gewiß, wenn sich auch seine Ankunft verzögert. Wahrscheinlich halten ihn wichtige Geschäfte zurück. Er gedenkt, wie Du weißt, den Winter hier zu bleiben, und da giebt es viel zu ordnen.«

Bei den letzten Worten war Marion eingetreten und händigte Aurelien einen Brief ein, der soeben angelangt und von deren Dienerin ihr übergeben worden war.

Ein Blick auf denselben ließ Aurelie des Grafen Handschrift erkennen, sie beherrschte jedoch die dadurch in ihr erzeugte Freude und empfing das Schreiben scheinbar gleichgiltig, um Marion dessen Bedeutsamkeit nicht zu verrathen.

Gleich ihr war auch Sidonie in der Voraussetzung, der Brief käme von dem Grafen, freudig erregt worden; doch hatte auch sie sich längst gewöhnt, ihre Empfindungen zu beherrschen, und verrieth sich daher auch jetzt nicht.